Felix Kramer: Zwischenmenschliches in allen Zwischentönen

Mit „Alles gut“ legt der Wiener Liedermacher Felix Kramer nach zwei Jahren sein zweites Album vor. Heute Abend gastiert er damit im Innsbrucker Treibhaus.

Felix Kramer veröffentlichte mit „Alles gut“ nun sein zweites Album. Heute Abend ist er im Treibhaus zu Gast.
© simone koerner

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – In Zeiten von explodierenden Infektionszahlen, krudem Verschwörungsgeschwurbel und einer Politik, die mehr spaltet als vereint, ist es schwer, noch zu schockieren. Deshalb schockiert Felix Kramer mit „Red ma halt einfach was anderes“ schon fast wieder. In seinem neuen Song plädiert er für das Wegschauen, wenn das Durchschauen allzu schwierig wird. Deshalb muss man sich um den Wiener Liedermacher aber noch keine Sorgen machen, ihm ist klar: „Wir sind das Problem.“

Insofern sind es auch beruhigende Zeilen, die man auf dem zweiten Album des 27-Jährigen hört. „Alles gut“, steht jedenfalls schon in fetten Lettern auf dem Cover geschrieben – in der hitzigen Gegenwart eine doch einigermaßen coole Stimmungsmessung. Über den Dingen steht Felix Kramer deshalb aber noch lange nicht, auf seinem zweiten Album singt der souveräne Ottakringer von Angst, Zweifel und Unsicherheit – und versucht sich gleichzeitig im Gesang davon ­loszumachen.

Etwa als Kramer im Opener nach „Spanien“ einlädt – Latinogroove inklusive! –, wo er in der Sonne liegend über seelische Schatten, Selbstzweifel und Lethargie sinniert. „Es wird noch länger schiach sein, aber es wird schon wieder wean“, entspannt sich das Ich; in „Nix zu spürn“ lachsingt es sich später vorsorglich in die ­Teilnahmslosigkeit, um sich in „Red ma halt einfach was anderes“, dem heimlichen Gran Finale, in Rage zu brüllen. Die Welt passiert halt einfach.

Erst beim zweiten Hinhören erkennt man, dass Felix Kramer in seiner gesungenen Lakonie viel Relevantes von heute verhandelt. Das Ich ist ein Kind der Gegenwart. In Zweifeln sperrt es Möglichkeitsräume auf, weil das Wesentliche für ihn im Dazwischen liegt. In diesen Stil hatten sich Kritiker und Publikum schon bei Kramers Debüts „Wahrnehmungssache“ (2018) verliebt: „Vielleicht bist es eh du“ wiegt dort etwa mögliche Liebesabsichten ab. Vielleicht ist das Nächste das Beste, vielleicht aber auch nicht. Wer weiß das schon?

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Das Ordnen von Gefühlen geht auch in Kramers neuer Musik emsig weiter, „Alles gut“ hält Zwischenmenschliches in allen Zwischentönen parat: Mal lässt erst die Distanz klarer träumen („Nur die Vorstellung“), mal zeigt erst die Nähe, dass wirkliche Vertrautheit noch in weiter Ferne liegt („Zu gut“). Stark sind jene Songs, in denen sich der Liedermacher traut, fragil, zweifelnd ehrlich zu sein. Wo er mehr erzählt denn singt, rührt er seine Hörer; nur den großen Macker will man dem Sänger nicht abnehmen. Muss man aber auch nicht.

Und wie klingt der neue Kramer? Ähnlich wie der alte, teilweise energischer, charismatischer als noch vor drei Jahren, mit etwas Mariachi-Flair, Latino-Rhythmen und einer beschwingten Trompete. Und hinterher schlurfen die Gitarrensoli. Da und dort hört man ein bisschen Faber, hie und da scheinen Georg Danzer und Ludwig Hirsch durchzuhallen, manchmal winkt gar Sven Regener von Weitem. Gut, dass Felix Kramer mit dem Grundgrind des Musikerkollegen Vodoo Jürgens nichts zu tun hat. Von Kramer muss man sich davontragen lassen. Um schockiert zu erkennen: Manchmal ist eh alles gut.

Folk/Akustikpop. Felix Kramer: Alles gut. Phat Penguin. Live: Heute, 19 Uhr im Treibhaus Innsbruck.


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