Covid-19 trifft auf Unterhaus: Der Weg führt von der Spielwiese zum Brotberuf

Wenn König Fußball im Tiroler Unterhaus auf Covid-19 trifft, rollt der Ball ins Berufsleben der Kicker weiter. Und das „Spiel“ wird komplexer.

TFV-Präsident Josef Geisler will sich in Sachen Hallenmeisterschaft von Experten beraten lassen.
© Thomas Boehm / TT

Von Alex Gruber

Innsbruck – Gleich vorweg: Die Aufregung um das Coronavirus im Fußball-Unterhaus ist ein Stück weit im Keim zu ersticken. Denn bis gestern Mittag waren laut Tiroler Fußballverband nur vier Kampfmannschaften (Reichenau I und II, Patsch/Ellbögen und Götzens) von Absagen für das kommende Wochenende und im Zusammenhang mit Covid-19 betroffen. Fast alle Teams haben zumindest 80 Prozent ihrer Spiele bislang absolviert. „Ich bin recht zufrieden mit dem Fortgang der Meisterschaft“, stellt deswegen TFV-Präsident Josef Geisler fest.

Die Crux lässt sich mittlerweile woanders finden. Im beruflichen Umfeld der SVG Reichenau wurden auch Kollegen wie Arbeitnehmer in Quarantäne geschickt, die negative Corona-Tests hatten und nichts mit der Kugel zu tun haben. Dass die Unterhaus-Kicker einmal selbst in Quarantäne müssen, wird betrieblich großteils geduldet, bei einem zweiten Mal und wenn’s über die Kabine und Outlinien ausstreut, wird’s schwieriger.

Der SV Götzens kam über einen vorangegangenen Gegner zu Testungen und Ausgangssperre, was u. a. einem seiner Spieler eine dringende Fortbildung verwehrte, wie Trainer Thomas Pichlmann erklärt. Dass da der Job Vorrang hat, stehe außer Zweifel. „Ich muss schauen, ob ich für die ganzen englischen Wochen überhaupt elf Mann zusammenbringe“, gibt der Ex-Wacker-Torjäger zu Protokoll.

In Oberösterreich (St. Marien/1. Klasse Ost) hat ein Amateur-Club bereits den Rückzug aus dem Meisterschaftsbetrieb erwogen, weil sich insgesamt 13 Spieler aufgrund der besonderen Umstände zurückgezogen haben.

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Bei Tirol-Ligist SV Kematen kehrten von einem halben Dutzend Pausierender zumindest drei (Saurer, Meischberger, Mühlthaler) in den Liga-Alltag zurück. „Ich bin kein Arbeitsrechtsexperte. Für den Arbeitgeber geht es um eine Einschränkung der Gefahrenquellen zur Fortführung seines Betriebs und vor allem um die Gesundheit der Mitarbeiter. Ob deswegen der Spieler in seiner Freizeit einzuschränken ist? Es geht in diesem Spannungsfeld um das größtmögliche Maß an Eigenverantwortung. Und wenn einer aufhören will, muss man es akzeptieren“, hält Reichenau-Obmann Gernot Amoser fest.

Das Comeback von Goalie-Rückkehrer Matthias Hörtnagl ist aus diesen Gründen und eigenem verantwortungsvollen Entschluss nach nur einem Spiel schon wieder beendet. Der Südtiroler Julian Torggler kehrt in den Kader der Rot-Schwarzen, die zwei schwerverletzte Torhüter (Clemens Steiner/Schien- und Wadenbeinbruch sowie Florian Hausberger/Kreuzbandriss) vorgeben müssen, zurück. Nicht alle Ausfälle lassen sich durch das Coronavirus erklären!

Die Rechtskommission des ÖFB tagt heute mit Geisler, um die teils (leicht) divergierenden Covid-19-Bestimmungen der einzelnen Landesverbände aneinander anzugleichen. Dass Vereine Spiele selbst absagen können, habe man für den TFV „ausgeschlossen“. Ob und wie die Tiroler Hallenmeisterschaft über die Bühne gehen kann, wird auch an einer Expertise hängen. Geisler hat einen Termin mit dem renommierten Innsbrucker Virologen Günter Weiss vereinbart:

„Ich will mich von einem Experten beraten lassen.“
TFV-Präsident Josef Geisler

Auch Geisterhallenspiele nur mit Teams und Betreuern und ohne Eltern – vielleicht eine gute Lebensschule – sind denkbar.

„Fußballspielen kann ein Arbeitgeber aus juristischer Sicht keinem Arbeitnehmer verbieten. Denn das betrifft den außerbetrieblichen Bereich. Die Grenzen werden erst bei Verstößen gegen die behördlichen Verordnungen, zum Beispiel einer Siegfeier gegen die Regeln, übertreten“, erläutert Sportrechtsexperte Peter Vogl. Die komplexe Problemstellung könne nur die Politik, z. B. mit der Einstellung des Spielbetriebes wegen zu großer Gefährdung, lösen.

Der Druck möge in wirtschaftlich unsicheren Zeiten im Zusammenspiel sanft bleiben. Keiner hat sich Corona als Gegner gewünscht. Die Taktik gegen den unsichtbaren Feind ist wohl defensiv anzulegen.


ÖFB-Präsident Windtner: „Wir können derzeit nur zuwarten“

Verunsicherte Amateurfußballer, angesichts der latenten Quarantäne-Gefahr erboste Arbeitgeber – welche Handlungsempfehlung spricht der ÖFB im Amateurfußball aus?

Leo Windtner: Rechtssicherheit können wir nicht schaffen, denn die Vorgaben sind je nach Bundesland unterschiedlich. Wir können nichts beschließen, was über unsere Zuständigkeit hinausgeht.

Scheint ein Konsens denkbar?

Windtner: Ich treffe demnächst den niederösterreichischen Sport-Landesrat, dort geht man sehr restriktiv vor. Aber eine einheitliche Regelung gibt es bei allem Verständnis für die Situation nicht. Es ist ja bereits ein Problem, in einen anders gefärbten Bezirk zu reisen.

Zumindest das Wettkampf-Regulativ wurde österreichweit gleich strukturiert.

Windtner: Wenn 50 Prozent der Meisterschaft abgeschlossen sind, wird die Saison gewertet. Aber was etwa den Hallenfußball betrifft – das ist noch in zu weiter Ferne. Das können wir in zwei, drei oder vielleicht vier Wochen behandeln. Derzeit können wir nur zuwarten.

Gibt es einen Schulterschluss mit anderen Fachverbänden?

Windtner: Wir sind mit Sports Austria (Bundessport-Organisation/BSO) in engem Kontakt und besprechen eine gemeinsame Vorgehensweise. Es macht Sinn, sich zusammenzuschließen.

Wie erachten Sie die Durchführung von Fußball-Länderspielen?

Windtner: Prinzipiell sind internationale Spiele mit 30 Prozent des Fassungsvermögens eines Stadions begrenzt, auch wenn es lokal Einschränkungen gibt wie zuletzt in Nordirland.

Macht es im Profifußball dennoch Sinn, Freundschaftsspiele in weniger bedeutungsvollen Kategorien wie der U21 durchzuführen?

Windtner: Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Prinzipiell ist man bemüht, alles durchzuführen, um zu signalisieren, dass man Normalität herstellen will. Da geht es auch um die Sehnsucht innerhalb der Bevölkerung. Man sollte es also zumindest versuchen.

Das Gespräch führte Florian Madl


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