Neues Buch von Petra Ramsauer: Der Angst die Angst nehmen und Mut machen

Die Kriegs- und Krisenreporterin Petra Ramsauer trifft mit ihrem neuen Buch genau unser aller diffuse Gefühlslage in der Corona-Pandemie.

Mit kugelsicherer Weste in der irakischen Stadt Mossul: Petra Ramsauer kennt die Konfliktregionen des Nahen Ostens und sagt: Angst gehört zum Leben dazu.
© Ramsauer

Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – Mit Angst kennt sich Petra Ramsauer aus. Vor allem mit der Frage „Hast du denn keine Angst, dass dir was passieren könnte?“, die ihr Bezug nehmend auf ihren Job Hunderte Male gestellt worden ist. Denn die gebürtige Oberösterreicherin war den Großteil ihres journalistischen Lebens in Kriegs- und Krisenregionen unterwegs. Ihre mehrfach ausgezeichneten Reportagen aus Syrien oder dem Irak erschienen in internationalen und nationalen Medien (auch in der TT, Anm.). Drohenden Entführungen oder gar dem Tod war die 51-Jährige aber nicht nur im Nahen Osten mehrmals nahe. Als junge Frau überlebte Ramsauer eine schwere Tumorerkrankung. Seitdem hat sie ihren Frieden mit der Angst gemacht und ist sich sicher: Die vielen Spektren dieses Gefühls gehören zum Leben dazu und deshalb muss man mit der Angst umgehen lernen. Das ist eine der Grundaussagen ihres Essays, der Anfang Oktober in der Reihe übermorgen bei Kremayr & Scheriau erschienen ist. Dabei war alles ein bisschen anders geplant, wie die Autorin im Gespräch mit der TT erzählt.

Als Ramsauer im März dieses Jahres – der Lockdown war noch ganz frisch und die Stimmung im Land gedrückt-ängstlich – auf Twitter über ihre Erfahrung als Krisenreporterin mit Angst schrieb, war die Resonanz darauf gewaltig. Die Journalistin hatte einen Nerv getroffen und so wurde aus ihrem seit längerer Zeit geplanten Buchprojekt zum Thema „Krisen überleben“ durch die Corona-Aktualität ein Long­read in vier Kapiteln auf 108 Seiten, in dem Ramsauer Mut machen will, sich der Angst zu stellen, anstatt ihr aus dem Weg zu gehen. Denn die Pandemie hat ein diffuses Angst-Gefühl, das wohl jeder in sich trägt – „Was, wenn von heute auf morgen plötzlich alles anders ist?“ –, zur Realität werden lassen. Und damit waren bzw. sind viele Menschen überfordert. Das hat vor allem damit zu tun, dass uns – anders als Menschen in vielen Regionen der Welt – die Erfahrung mit Krisen fehlt. „Bei uns in der westlichen Welt ist alles so berechenbar, wir leben in einer Risikovermeidungsgesellschaft“, analysiert Ramsauer. Hundertprozentige Sicherheit ist allerdings kaum zu erreichen. Das gilt genauso in einer Pandemie wie in einem Kriegsgebiet. Was aber geht: Risikominimierung, genaue Abwägung jeder herausfordernden Situation und einen kühlen Kopf zu bewahren.

Zur Autorin

Petra Ramsauer (51) studierte Politikwissenschaft in Wien und Journalismus in Paris. Seit 2009 Autorin und freie Journalistin. Ihr Spezialgebiet ist die Krisen- und Kriegsberichterstattung, ihre Geschichten wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 2011 berichtet sie aus Libyen, Ägypten, dem Irak und schwerpunktmäßig aus Syrien.

Angst. 128 Seiten, 18 €, aus der Serie übermorgen bei Kremayr & Scheriau.

Ramsauer will in ihrem Buch keine Tipps und Ratschläge geben. Von ihren Erfahrungen in einer Welt abseits der Komfortzone kann man aber einiges mitnehmen, das umfangreiche Quellenverzeichnis verweist auf weiterführende Literatur zum hochkomplexen Thema. „In diesem Essay stecken meine Gedanken, aber ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit“, sagt Ramsauer. Für die Autorin selbst ist „Angst“ eine Art Übergangsbuch von einem Lebensabschnitt in den nächsten: Die 51-Jährige steigt aus dem aktuellen Journalismus aus und absolviert derzeit eine Ausbildung zur Traumatherapeutin. Langfristig möchte sie mit traumatisierten Menschen in Krisenregionen arbeiten. In welcher Form, ob als Therapeutin oder etwa Beraterin vor Ort in bestimmten Projekten, das lässt sie noch offen. „Eine wichtige Frage für mich ist, wie kann ich mein Know-how von früher am besten anwenden und was kann ich z. B. besser als eine Psychologin, wo liegen meine Stärken?“, beschreibt Ramsauer ihren Entwicklungsprozess, durch den sie gerade geht. Angst vor der Veränderung hat sie jedenfalls nicht – aber Respekt und beeindruckendes Reflexionsvermögen.

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