Begeisterndes Ausgeistern im Innsbrucker Theater praesent

„Dunkel lockende Welt“ von Händl Klaus im Innsbrucker Theater praesent.

Elena-Maria, Stefan Lewetz und Elke Hartmann (im Hintergrund) in „Dunkel lockende Welt“.
© Jarosch

Innsbruck – Das Rätsel, um das hier alles kreist, ist im Grunde keines. Das macht die Sache rätselhaft – und ungeheuer reizvoll. In Händl Klaus’ „Dunkel lockende Welt“ geht’s um den Tod. Ums Ableben und Ausgeistern. Um die Angst davor und die Sehnsucht danach. Und ums Sterben als Prozess, der begleitet, mutwillig bis absichtsvoll herbeigeführt oder mangels anderer Ausreden erfunden wird. Und es geht ums Verdrängen des unweigerlich Drohenden. Ums Wegputzen, Verrücken, Schönlügen und um die Suche nach Beruhigung: durch fanatisches Fachsimpeln – über Chlorophyll zum Beispiel oder Eidechsen.

„Dunkel lockende Welt“ ist eine Komödie. Und was für eine. Nachgerade klassisch, beinahe boulevardesk und irgendwie ein Krimi: drei Figuren, drei Akte, Leichen im Keller. Aber mit Genrebehauptungen kommt man trotzdem nicht weit. Für vordergründigen Witz ist das Stück zu filigran-sprachversunken, zu durchkomponiert. 2006 wurde „Dunkel lockende Welt“ zum „Stück des Jahres“ gekürt. 14 Jahre später brachte es dem Wiener Werk X einen Nestroy.

Seit Donnerstag wird „Dunkel lockende Welt“ in einer Inszenierung von Fabian Kametz im Innsbrucker Theater praesent gespielt. Was, aber das nur am Rande, die Frage in den Raum wirft, warum sich heimische Theater nur selten an Werke von Tirols namhaftesten Dramatiker wagen. „Thomas“ etwa, eine von drei Zusammenarbeiten Händls mit dem Komponisten Georg Friedrich Haas, fand noch keinen Weg nach Tirol – obwohl die Schwetzinger Uraufführung 2013 als Koproduktion des Tiroler Landestheaters ausgewiesen war.

Aber was nützt es, verschwitzten Möglichkeiten nachzuweinen, wenn man genutzte feiern kann? „Dunkel lockende Welt“ im praesent überzeugt durchwegs. Die Inszenierung ist dicht und stimmig, die Figurenführung fein nuanciert. Die Ausstattung (Veronika Stemberger) einfach und funktional: Drei Holzkisten, einige Meter Plastik- und etwas Goldfolie reichen, um den Rahmen abzustecken.

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Corinna (Elena-Maria Knapp) räumt ihre Wohnung. Sie hat wohl ihren Partner ermordet. Jetzt will sie weg – und sich ihren Vermieter (Stephan Lewetz) vom Leib halten. Der trauert seiner unlängst verstorbenen Mutter nach – und textet Corinna zu. Corinna textet zurück. Statt zum Kieferknacken nach Peru flüchtet Corinna zu ihrer Mutter (Elke Hartmann). Und die macht sich nach einem wilden Ritt durch Wesen und Wirken der Photosynthese auf den Weg zum Vermieter. Schließlich müssen Indizien aus der Welt geräumt werden. Gefundene genauso wie erfundene.

So viel zum Plot der Händl’schen Textmusik, die sich das großartige Ensemble einverleibt hat: Sprache wird Körper, Körper Sprache. Bei Knapp, Hartmann und Lewetz bringen die Wörter zum Tanzen. Sie arbeiten das Abseitige und Makabere des Textes heraus, gestalten dessen seltsame Sinnlichkeit aus. In kleinen Gesten, in Blicken und atemraubend getakteten Satzkaskaden feuern sie sich zurechtgezimmerte Scheinwahrheiten um die Ohren. Obwohl sie wissen, oder wenigstens ahnen sollten, dass es auch die in jene Abgründe reißen wird, die sich zwischen den Zeilen auftun – und die dunkel locken. (jole)


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