„Sound Lecture“: Wie Punk, New Wave und Disco in Tirol klangen

Einer, dem Tirol zu eng wurde: Hans Platzgumer (M.) mit „H.P. Zinker“ in New York.
© Platzgumer Hans

Innsbruck – Auch das strukturkonservative Tirol hat eine Geschichte junger, teils widerständiger Subkultur(en). Zum zweiten Mal beleuchtete der Musikexperte und Subkulturarchivar Albi Dornauer bei einer „Sound Lecture“ in der Innsbrucker Stadtbibliothek eines dieser wenig bekannten Kapitel – diesmal mit Fokus auf die prägenden 1980er-Jahre.

Keine Plattenlabels und Tonstudios, kaum Auftrittsmöglichkeiten: Für heimische Bands waren es harte Zeiten. Wer es schaffen wollte, musste aus Tirol hinaus: So wie die New-Wave-Formation Intimspray rund um Heinz D. Heisl (heute Leiter des Literaturfestivals „Sprachsalz“). Diese machte sich mit zackig-energetischen Auftritten einen Namen in der Münchner Szene, stieß bis in die Bravo und TV-Shows vor. Doch ein Deal mit einem internationalen Großlabel scheiterte. Heisl verließ die Band und zog sich in die Wildschönau zurück – nicht ohne dort Tirols allererste Reggae-Platte aufzunehmen.

Der packende audiovisuelle Streifzug führte durch bunteste Klanggefilde: Die Palette reichte von der populären Hardrock-Gruppe No Bros. – und ihrer Feindschaft mit der Wiener Band Blind Petition, wilde Prügeleien inklusive – bis zum ersten Tiroler Alternativ-Sampler „Abgwürgt“ (1982), der schräg-provokante Bands wie Garantiert Sendeverbot versammelte.

Wie sich Innsbrucks Straßenpunkszene nach den „Chaostagen“ 1986 (ein verletzter Polizist und 128 Festnahmen) in alle Winde zerstreute, war ebenso Thema wie die Karriere von „Tausendsassa“ Hans Platzgumer, der mit H.P. Zinker (gegründet 1989) sogar die New Yorker Independentszene aufmischte. Auch Tirol-Spezifika wie die von norditalienischen Discos beeinflusste, bis heute aktive „Afro Cosmic“-Szene rund um Stefan Egger durften nicht fehlen.

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In der Nachbetrachtung verblüfft, mit welcher Naivität, aber auch wie viel Mut und Witz junge Tiroler Musiker internationale Einflüsse verarbeiteten, die arg verspätet über die Berge schwappten.

Viel drehte sich auch um die Orte der Subkultur, vom studentischen Kulturhaus „KOMM“ und dem „AKT“ in den Bögen über das legendäre „Haus am Haven“ bis zu Utopia und Treibhaus. Nach dem Aus für „Hafen“ und „Weekender“ auch heute ein brisantes Thema.

Mehr über die alternative Kulturgeschichte Tirols erfährt man unter subkulturarchiv.at oder in der Ausstellung „Widerstand und Wandel. Über die 1970er-Jahre in Tirol“ (noch bis 24.10. im „aut“ im Adambräu). (md)


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