Psychologische Hilfe für Geschworene nach grausamem Mordfall

Mit Hilfe mehrerer Handyvideos, die die rund 20 Minuten dauernde Bluttat detailliert zeigten, mussten sich die Laienrichter ein Bild des Geschehens machen. Das führte zu einem einzigartigen Hilfsangebot in der Tiroler Kriminalgeschichte.

Die beiden Angeklagten vor dem Geschworenengericht im September. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, sie zu drei Monaten.
© BRIGITTE FORSTER

Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Der Mordprozess, der Anfang September am Innsbrucker Landesgericht über die Bühne ging, war einzigartig. Nicht nur wegen der Grausamkeit und Kaltblütigkeit, mit der ein Inder seinen pakistanischen Freund im April 2019 in seiner Innsbrucker Wohnung verstümmelt und getötet hatte. Sondern auch, weil den Geschworenen wohl erstmals in der Tiroler Justizgeschichte „psychologische Hilfe angeboten wurde“, bestätigt Andreas Stutter, Vizepräsident des Landesgerichts.

Eine Hilfe, die angeblich auch angenommen wurde. Und das lag vor allem an einer weiteren Besonderheit des Mordprozesses. Denn die Geschworenen waren bei der Beurteilung der Straftat nicht wie üblich nur auf die Schilderungen von Staatsanwalt, Verteidiger, Angeklagten, und Zeugen angewiesen. Im Gegenteil – die Laienrichter konnten bzw. mussten sich im Schwurgerichtssaal ein wesentlich drastischeres Bild über das brutale Geschehen machen. Und zwar mit Hilfe mehrerer Handyvideos, die die rund 20 Minuten dauernde Bluttat detailliert zeigten.

Wie ungewöhnlich das psychologische Hilfsangebot war, offenbart der Vergleich mit einem weiteren aufsehenerregenden Mordprozess, der Mitte August am Landesgericht verhandelt wurde. Dabei ging es um den so genannten Fünffachmord von Kitzbühel. Wie mehrfach berichtet, hat ein 26-jähriger Einheimischer im Oktober 2019 seine Ex-Freundin, deren Bruder und Eltern sowie einen Profisportler erschossen. „Bei diesem Prozess wurde den Geschworenen aber keine psychologische Hilfe angeboten“, sagt Stutter.

Apropos Geschworene: Einmal ausgewählt, haben die Laienrichter kaum Möglichkeiten, ihrer staatsbürgerlichen Pflicht zu entgehen. Am ehesten sei das noch zu Beginn des Auswahlverfahrens möglich. „Wer von den Gemeinden auf die Liste möglicher Kandidaten gesetzt wird, kann noch z. B. wegen erhöhten Pflegeaufwands ablehnen“, sagt Stutter. Wird ein Kandidat per Los zum Geschworenen, hilft nur noch ein bereits gebuchter Urlaub oder ein OP-Termin.


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