Anschreiben gegen die Ungerechtigkeit der Welt: Friedenspreis für Amartya Sen

Eine Preisverleihung in sehr speziellen Zeiten. Karin Schmidt-Friderichs vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels überreicht Amartya Sen, per Video aus den USA zugeschaltet, den Friedenspreis 2020.
© AFP

Frankfurt – Der indische Wirtschaftswissenschafter Amartya Sen ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. Sen habe sich „als Vordenker seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandergesetzt“, so die Begründung des Stiftungsrats. Seine Arbeiten trügen zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit bei und seien heute so relevant wie nie zuvor.

Der in den USA lebende Wissenschafter und Philosoph konnte wegen der Corona-Pandemie gestern nicht persönlich in die Frankfurter Paulskirche kommen. Stattdessen wurde der 86-Jährige aus Boston per Video zugeschaltet. Für den Preisträger war es nach seiner Ortszeit noch sehr früh am Morgen.

Auch die Teilnahme von Laudator Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde am Wochenende kurzfristig abgesagt. Nach dem positiven Corona-Test eines Personenschützers befindet sich das deutsche Staatsoberhaupt weiter in Quarantäne. Seine Laudatio wurde vom Schauspieler Burghart Klaußner in einer ziemlich leeren Paulskirche verlesen. Das Publikum war, ebenfalls wegen Corona, ausgeladen worden.

„Sen schreibt an gegen die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten dieser Welt. Sein Human Development Index betrachtet nicht nur das Bruttoinlandsprodukt, er schaut auf das Wohlergehen der Menschen“, hieß es in Steinmeiers Rede. „Wer hätte diese Auszeichnung also mehr verdient als jemand, dessen Werk bei aller intellektuellen Brillanz vor allem eines auszeichnet: Menschlichkeit.“ Und: In seinem Kampf für Gerechtigkeit gehe es im Kern immer um Demokratie.

Sen wurde 1933 in Shantiniketan (Westbengalen) geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften in Kolkata (früherer Name Kalkutta) und England und ist seit 2004 Professor in Harvard. 1998 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaft. In seiner Dankesrede sprach er sich gegen Autokratie, Benachteiligung und Ungerechtigkeit aus, die er in Indien, aber auch in seiner Wahlheimat, den USA, sowie in vielen anderen Ländern beobachte. „Heute ist gesellschaftlich kaum etwas dringlicher geboten als globaler Widerstand gegen den zunehmenden Autoritarismus überall auf der Welt.“

Der in Frankfurt ansässige Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergibt den Friedenspreis seit 70 Jahren anlässlich der Frankfurter Buchmesse (heuer ein Online-Ereignis mit 200.000 Usern). Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert. Geehrt werden Persönlichkeiten, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. 2019 wurde der brasilianische Fotograf und Umweltschützer Sebastião Salgado ausgezeichnet. (APA, dpa, TT)


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