Und ewig rockt die E Street Band: Neues Album von Bruce Springsteen

Bruce Springsteen schart für sein 20. Studioalbum „Letter To You“ seine Haus- und Hofkapelle um sich.

Brrrr – Springsteen im Schnee, da zieht es dem Betrachter glatt die Gansl-
haut auf. Dabei heizen die neuen Songs ganz schön ein.
© Danny Clinch

Von Markus Schramek

Innsbruck – Wer schreibt im Zeitalter schnell hingerotzter Statusmeldungen eigentlich noch Briefe persönlichen Inhalts? Bruce Springsteen steht offenbar der Sinn danach: „Letter To You“ (Brief an Dich) hat er sein neues Studioalbum getauft, es ist schon Opus Numero 20.

Der Songwriter, Sänger und Gitarrist aus New Jersey, USA, ist eben unverbesserlich retro. Und wir, die dem 71-Jährigen seit Jahrzehnten das Ohr leihen, auf dass er es mit hemdsärmeligen Rocksongs erfreue, sollten ihm dankbar dafür sein, den Kurs zu halten. Springsteen nimmt uns mit auf eine „sentimental journey“ zurück in die Zeit, als populäre Musik noch so klingen durfte: simpler Strophenbau, eingängige Refrains mit mehr oder weniger verklausulierten Parolen, heulende E-Gitarren und Tempo, Tempo, Tempo.

Für den nötigen Drive sorgt auf der Neurille, die am Freitag den Markt beglücken und dort zweifellos reüssieren wird, Springsteens Immer-wieder-einmal-Combo namens E Street Band.

Den Bandleader eingerechnet, tummeln sich drei sehr brauchbare Gitarristen im aktuellen Kader. Kein Wunder also, dass die Verstärker mitunter bis zum Anschlag aufgedreht werden, wie es in „Ghosts“, einer der stärksten Nummern des neuen Albums, so schön heißt, nicht ohne Selbstironie. Das musikalische Personal befindet sich nach nackten Jahreszahlen nämlich samt und sonders im Rentneralter.

Und weil eine richtig gute Band einen verdammt guten Drummer braucht, bitteschön, einen solchen hat die E Street Band mit Max Weinberg zu bieten. Der wirkt rein optisch professoral und stoisch. Tatsächlich ist Weinberg ein formidabler Pacemaker mit superbem Beat, ein Antreiber vor dem Herrn, unverkennbar sein Spiel.

Springsteen und seine Kapelle rocken auf dem Neuling ganz ordentlich ab: hitverdächtig die Up-tempo-Nummer „Burnin’ Train“; Dylanesk, inklusive nerviger Mundharmonika, die Ballade „Janey Needs a Shooter“; selbstreflexiv „Last Man Standing“; angriffig, mit Anti-Trump-Botschaft, „House of a Thousand Guitars“; schlagerartig und überaus verzichtbar „Power of Prayer“.

Angeblich wurde „Letter To You“ in wenigen Tagen aus dem Boden gestampft. Kann sein, ist aber egal. Experimente wurden keine gewagt. Springsteen und Kollegen bleiben ihrem Handwerk treu und stocken den gemeinschaftlichen Songkatalog um weitere zwölf Einträge auf.

Manches davon würde sich fraglos live gut anhören, zumal der Altmeister auf der Bühne noch selten enttäuscht hat. Doch das ist Zukunftsmusik, für die niemand ein Datum nennen kann.

Retro-Rock Bruce Springsteen & The E Street Band: „Letter To You“. Columbia/Sony. Ab 23.10. erhältlich.


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