Verein für Obdachlose fordert Strategie: „Corona trifft auch Wohnungslose“

In den Notschlafstellen der Tiroler Sozialen Dienste bereitet man sich auf den Winter vor. Die Pandemie wird auch dort den Alltag ändern. Quarantäne und Contact-Tracing bei Wohnungslosen? Schwierig.

Die Winternotschlafstellen der TSD sollen trotz Pandemie geöffnet bleiben.
© TSD

Von Jasmine Hrdina

Innsbruck – Quarantäne, Isolation – sich zu Hause abschotten, um nicht andere mit dem Coronavirus zu infizieren. Das kann mit den steigenden Fallzahlen derzeit jeden treffen. Doch was passiert mit jenen, die keine eigenen vier Wände haben, in die sie sich zurückziehen können? In den Notschlafstellen der Tiroler Sozialen Dienste (TSD) hat man über solche Szenarien bereits nachgedacht. Die Kapazitäten sind jedoch begrenzt. Und auch das Erreichen von Kontaktpersonen (Contact-Tracing) gestaltet sich bei Personen ohne festen Wohnsitz und Handy schwierig.

Der Schnee lacht bereits von den Bergen. In den Winternotschlafstellen in Kufstein (Carl-Schurff-Straße 7) und Lienz (Tiroler Straße 21) laufen die Vorbereitungen, die Innsbrucker Einrichtung am Schusterbergweg 73 wird seit heuer ohnehin ganzjährig betrieben. Am Sonntag, zu Allerheiligen, öffnen sich die Türen der Notunterkünfte auch in den zwei anderen Gemeinden bis Ende April wieder für Schutzsuchende. Von 18 bis 21 Uhr können die Klienten in der Bleibe „einchecken“, finden dort warme Mahlzeiten, Dusch- und Waschmöglichkeiten und einen Schlafplatz. Bis 8 Uhr morgens dürfen sie hier verweilen – vorausgesetzt, sie haben keine Corona-Symptome.

„Unsere Klienten nehmen das Thema ernst"

Die Sicherheitsmaßnahmen werden in den Winternotschlafstellen der TSD den Alltag dominieren, erklärt Koordinatorin Anna Gutmann. Desinfizieren, Abstand halten, so wenig Personen wie möglich in einem Raum, Maske tragen. Beim Einlass werde Fieber gemessen, bei erhöhter Körpertemperatur werde die Klinik bzw. die Corona-Hotline 1450 kontaktiert. „Unsere Klienten nehmen das Thema ernst und gehen sehr diszipliniert damit um“, schildert Gutmann.

Sollte es zu Quarantäne-Fällen kommen, habe man in der Innsbrucker Notschlafstelle einige Zimmer zur Verfügung, dasselbe gilt für Lienz – dort nutzten die TSD ein ehemaliges Hotel. In der Wohnanlage in Kufstein wird es da schon enger – hier gibt es nur zwei kleine Schlafräume. „Bisher haben wir noch keinen solchen Fall gehabt“, erklärt Gutmann.

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Wenn einer der Klienten an Covid-19 erkrankt, stehe man vor neuen Herausforderungen, sagt Gutmann. Zwar werden die Besucher seit jeher registriert, das Nachverfolgen der Kontakte wäre aber schwierig. Adressen, an welche die Behörden Bescheide zustellen könnten, gibt es bei Obdachlosen schließlich nicht. Nicht jeder verfügt über ein Handy.

Viele seien „Stammkunden“, das helfe.

In Innsbruck nutzen einige das Angebot des Vereins für Obdachlose und geben die Beratungsstelle in der Kapuzinergasse 43 als Postadresse an. In der Teestube nebenan notiere man alle Gäste, die sich hier täglich von acht bis 13 Uhr stärken, erklärt Geschäftsführer Michael Hennermann. Im vergangenen Winter sollen es 100 pro Tag gewesen sein. Viele seien „Stammkunden“, das helfe. „Im Wesentlichen kennen wir die Leute und wissen, wo sie normalerweise sind.“

Die Frage nach Quarantäneplätzen für Wohnungslose ist für Hennermann trotz des Safe Houses (wo Obdachlose untergebracht werden können) „nicht gelöst und eine unbefriedigende Situation“. Im März habe es einen Fall gegeben, wo ein Obdachloser erst „nach vielen Interventionen“ eine Unterkunft zur Verfügung gestellt bekommen hätte. „Wir köknnen nicht jeden Einzelfall durchstreiten müssen, weil es keine einheitliche Vorgehensweise gibt. Es ist ja nicht die große Überraschung, dass es auch einen wohnungslosen Menschen mit Corona erwischen kann.“

„Wir brauchen eine Strategie und einen Plan"

Zu klären sei daneben dringend – so Hennermann –, wie im Falle die psychosoziale Betreuung aussehen könnte. „Die Menschen befinden sich in schwierigen Lebenssituationen.“ Viele seien psychisch krank, kämpfen mit Alkohol- oder anderen Suchtkrankheiten. „Wir brauchen eine Strategie und einen Plan, wie wir damit umgehen“, hofft Hennermann, dass anstehende Gespräche mit Stadt, Land, Gesundheitsamt und Rotem Kreuz fruchtbar sein werden.

Die Zeit drängt. Denn mit den sinkenden Temperaturen steigt erfahrungsgemäß die Zahl der Schutzsuchenden. Weniger Personen aufnehmen werden die TSD heuer trotz Pandemie nicht, sagt Gutmann. „Wir können nicht zur Hälfte der Personen sagen, sie haben jetzt keinen Platz mehr.“ In Innsbruck habe man aktuell bis zu 70 Klienten täglich – bei 90 zur Verfügung stehenden Betten. Die 16 in Kufstein und 12 in Lienz seien in den vergangenen Wintern nie voll ausgelastet gewesen.

Und was passiert mit den Klienten, wenn ein zweiter Lockdown kommt? Gutmann: „Wir warten noch auf Infos von höherer Stelle.“


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