Wiener Staatsoper: Onegin für wunde Opernseelen
Die Wiener Staatsoper holte sich eine gefeierte „Eugen Onegin“-Produktion aus Moskau und kann mit jungen Sängern punkten.
Von Stefan Musil
Wien – Kein Buh für Regisseur Dmitri Tcherniakov! Dabei gilt der Moskauer manchen als Regie-Rabauke. In jedem Fall hat er in den letzten Jahren Maßstäbliches im Opernbereich geleistet. Sein Wien-Debüt mit einem „Fidelio“ bei den Festwochen 2016 scheiterte aus Zeitnot. Mit „Eugen Onegin“ hat es jetzt geklappt.
Wobei es sich um die international herumgereichte Produktion vom Moskauer Bolschoi-Theater von 2006 handelt. Tcherniakov hat sie für Wien aufgefrischt. Man ist dankbar. Denn sie ersetzt die misslungene Vorgängerproduktion und man erlebt überzeugendes Musiktheater. Tcherniakov trat gegen die große Moskauer Tradition mit einer ganz präzisen Lesart an, die nur auf den ersten Blick konventionell scheint.
Hier stehen die Außenseiter, die melancholische Tatjana und der sensible Dichter Lenski, Verehrer ihrer Schwester, im Zentrum. Sie leiden, fühlen sich in der oberflächlichen, hermetischen Gesellschaft eingeschlossen. Tcherniakov, auch sein eigener Bühnenbildner, verlegt „Onegin“ daher nach innen, in einen Saal mit großem Tisch. Faszinierend erfüllt er darin die Figuren bis zum letzten Stubenmädchen präzise sinnfällig mit Leben und findet ungeheuer stimmige Theaterbilder. Etwa in Tatjanas Briefszene, in der sie mit ihrer Liebe zu Onegin ringt, während der Luster über ihr aufglimmt, bis die Glühbirnen platzen. Dazu drückt der Wind die Fenster auf und das Morgenlicht fällt durch die wehenden Vorhänge.
Video | "Eugen Onegin" an der Staatsoper
Ein haltlos Treibender, dem die Schneid fehlt
Die kurzfristig eingesprungene Nicole Car, sie debütiert am Haus, wie alle Hauptrollensänger, hat hier einen ihrer vielen intensiven Momente. Mit klangvollem Sopran trägt sie den Abend. Ebenso überzeugt Bogdan Volkovs Lenski mit ungemein nuanciert eingesetztem Tenor als von allen belächelter Fantast. So singt diesmal nicht Triquet, sondern er das Couplet beim Fest für Tatjana und macht sich noch mehr zum Affen. Seine Forderung zum Duell nimmt sowieso keiner ernst. Während er sich vom Leben verabschiedet, sucht seine Olga (stimmschön präsent: Anna Goryachova) nach einem Ohrring und der tödliche Schuss fällt beim Gerangel mit Onegin.
Dieser Onegin bleibt fast Nebenfigur. Ein haltlos Treibender, dem sogar die Schneid fehlt, diesem Leben mit seinem Revolver ein Ende zu setzen. Der Südtiroler Andrè Schuen gibt ihn entsprechend kühl, doch bleibt er zu eindimensional hinter den Erwartungen zurück. Etwas mehr Fortune zeigt Dimitry Ivashchenko, der mit brav russisch getöntem Bass die Arie des Fürsten Gremin vor der Festgesellschaft absolviert, die vom exzellenten Slowakischen Philharmonischen Chor gesungen wird. Dirigent Tomáš Hanus punktet mit dem gut einstudierten Orchester vor allem bei der feinen Lyrik, während die Emotionen noch Potenzial nach oben hätten.