Neuer Don DeLillo-Roman: Das Ende ist erst der Anfang

Don DeLillos neuer Roman „Die Stille“ spielt in einer nahen Zukunft. Der Schriftsteller verdichtet in „Die Stille“ dunkle Vorahnungen zum Kammerspiel.

Der US-amerikanische Autor Don DeLillo, Jahrgang 1936, gilt seit Langem als Anwärter auf den Literaturnobelpreis.
© imago stock&people

Innsbruck – Ein Flugzeug, irgendwo über dem Atlantik. Es fliegt von Paris nach New York. Das Draußen ist nur mittelbar erfahrbar. Bildschirme geben Temperatur, Flughöhe, die zurückgelegte Strecke, Abflug- und Ankunftszeit an. Dann – gut eine Stunde vor der angestrebten Landung in Newark – kommt es zu Turbulenzen. Plötzlich fallen die Bildschirme aus. Eine Notlandung gelingt. Tessa und Jim kommen mit leichten Blessuren davon. Auch im Krankenhaus streikt die Technik. Und in der Wohnung, in der sie irgendwann ankommen, geht der Fernseher nicht. Hier wollten sie mit Bekannten – einem Physikerehepaar und dem verhaltensauffälligen Lehrer Martin – den Super-Bowl schauen. Doch nichts geht mehr. Keiner weiß, was los ist: Die Telefone sind tot, das Netz zusammengebrochen, der Kontakt zur Welt kollabiert.

Don DeLillos neuer Roman „Die Stille“ spielt in einer nahen Zukunft. Im Februar 2022. Corona, das deutet eine knappe Erwähnung an, liegt hinter den Figuren. DeLillo, der mittlerweile 83-jährige, große Zeitdiagnostiker der US-Literatur, schrieb den Roman, bevor sich Covid-19 zur Pandemie auswuchs. Darum geht es also nicht. Wie eine Ausgestaltung der jüngsten „Lockdown“-Erfahrungen liest sich der gerade einmal 100 Seiten starke Text trotzdem. Vor allem im zweiten Teil. Da springt die Erzählzeit vom Imperfekt der Etablierung in die Unmittelbarkeit des Präsens: Nicht nur das, was gesagt wird, wird dringlicher – und paranoider. Auch formal nimmt der Text Fahrt auf.

„Die Stille“ ist ein beklemmender Text

Vor allem Martin, der gerade eine Studie über Einsteins Relativitätstheorie beendet hat – und schon vor Jahren in Fußnoten verloren ging, redet und redet. Vom Dritten Weltkrieg, der ausgebrochen sei zum Beispiel. Aber Martin hat schon seltsam geredet, als der Fernseher noch lief. Und man Vornamen von Physikern noch herbeigoogeln konnte.

Allerdings: Auch eine wohl allwissende, aber nicht unbedingt vertrauenswürdige Erzählinstanz erwähnt einen „Cyberangriff“, will sich aber nicht festlegen. Wenn selbst auktoriale Stimmen nicht mehr wissen, was Sache ist, wird es gefährlich. Daran ändert auch das gelehrte Geplapper wenig, mit dem die fünf Protagonisten die titelgebende Stille einer vom Blackout verhunzten Super-Bowl-Party bekämpfen.

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Roman

Don DeLillo: Die Stille.

Übersetzt von Frank Heibert. KiWi, 105 Seiten, 20,60 Euro.

„Die Stille“ ist ein beklemmender Text, ein Kammerspiel, das sich auch für die Bühne anbieten würde. Allmählich, ohne großen Knall, ohne Endzeitdröhnen zerbröselt die Ordnung. Und mit der Ordnung zerbröselt auch der Text. Er hört auf, bevor sich schlüssige Antworten anbieten. Ganz am Schluss steht „Ende“. Man ahnt, dass das erst der Anfang ist. Er wisse nicht, wie im Dritten Weltkrieg gekämpft werde, wird Albert Einstein schon am Anfang dieses kleinen Romans zitiert. „Aber im Vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“ Man kommt nicht umhin, „Die Stille“ als Warnung zu lesen. (jole)


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