Abschiedsrunde von Doris Weiner am Wiener Volkstheater

„Es beutelt mich ziemlich“, gibt Doris Weiner zu. Die Leiterin der Bezirkstournee des Wiener Volkstheaters absolviert derzeit intensive Arbeitswochen, die von „sehr heftigen Emotionen“ begleitet werden. Sie steht in ihrer eigenen Inszenierung der Komödie „Barfuß im Park“ in der Rolle einer agilen, älteren New Yorker Mutter nahezu allabendlich auf einer anderen Bühne. Gleichzeitig probt sie das Zwei-Personen-Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“. Es wird ihr Abschied sein.

„Nächstes Jahr wären es 45 Jahre, die ich am Volkstheater verbracht habe“, sagt die 71-Jährige im Gespräch mit der APA. 1976 wurde sie von Gustav Manker an das Haus engagiert, ab 1977 war sie fix im Ensemble. Fünf Direktorinnen und Direktoren hat sie erlebt. Der sechste, Kay Voges, gewährt ihr noch zwei selbst verantwortete Abschiedsrunden, ehe sie in Pension geht und er nicht nur das derzeit in der Endphase seiner Renovierung befindliche Haupthaus wieder aufsperrt, sondern auch die Verantwortung für die Bezirkstournee übernimmt. „Dafür bin ich ihm durchaus dankbar, aber auch für ihn hat es sich gut getroffen, denn er hat seine Schauspieler erst ab November zur Verfügung“, konstatiert Weiner trocken.

Mit ihrem Abschiedsstück am Volkstheater schließt sich in mehrfacher Hinsicht ein Kreis: Doris Weiner hat bei Rosalia Chladek eine Tanzausbildung gemacht und war 1968 bei ihrem ersten Engagement am Stadttheater Basel auch im Ballett im Einsatz. „Ich wollte aber immer Schauspielerin werden“, betont sie. Am Volkstheater wurde sie dann viel mehr als das. Unter Direktor Paul Blaha wurde sie auch Betriebsrätin, war für das „VT-Studio“ ebenso wie für die Schauspielschule des Volkstheaters mitverantwortlich, ab 2005 leitete sie das „Volkstheater in den Bezirken“. Einer ihrer Schüler, Alexander Jagsch, ist nun ihr Partner in Richard Alfieris „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“, Andy Hallwaxx, einer ihrer Lieblingsregisseure der Tourneen, inszeniert. Premiere ist am 20. November.

Vor jeder Bezirke-Vorstellung greift Doris Weiner zum Mikrofon, begrüßt und informiert die Abonnenten persönlich. Wer das derzeit anlässlich von „Barfuß im Park“ miterlebt, versteht die auf der Bühne wie im Zuschauerraum greifbare Rührung. Weiner blickt in ihr aus vielen Jahren vertraute Gesichter, die nun fast vollständig mit Masken verhüllt sind, bedankt sich für die in diesen Zeiten keineswegs selbstverständliche Treue, für die gezeigte Solidarität, als viele Abonnenten das aufgrund abgesagter Vorstellungen ihnen zustehende Geld dem Theater spendeten, und für viele herzergreifende Telefonate. „Das Volkstheater in den Außenbezirken war meist ein ungeliebtes Kind des Hauses“, sagt sie im Interview. „Dabei ist es etwas ganz Besonderes.“ Weiner hat es dazu gemacht.

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„Ich hätte immer am liebsten eine Bühne in einer Kleinstadt geleitet, wo jeder jeden kennt. Auf der anderer Seite bin ich aber durch und durch ein Großstadtkind. Die Bezirkstournee war mein Ersatz“, erzählt sie lächelnd. Die Liebe zu ihrem Publikum beruht auf Gegenseitigkeit. „Wir sind miteinander alt geworden.“ Dabei soll keineswegs so getan werden, als sei alles immer eitel Wonne gewesen. Manche Direktion und auch manches Ensemblemitglied habe die Aktivitäten in den Bezirken besonders gering geschätzt. „Dabei ist das Volkstheater pur! Es ist der Thespiskarren, der Ursprung des Theaters: Nicht die Leute gehen ins Theater, sondern das Theater kommt zu den Leuten!“

Die Extraförderung für die Tournee und ein spezieller Abendgagenzuschlag habe geholfen, Widerstände zu überwinden. Da wurde auch in Kauf genommen, dass so mancher Spielort bessere Zeiten gesehen hatte. „Besonders gefürchtet war Penzing“, erinnert sich Doris Weiner. „Das war ein alter Tanzsaal, vollkommen abgefuckt, mit einer viel zu kleinen Bühne und feuchten Garderoben.“

Die vergangenen Jahre waren besonders hart. Von ursprünglich über 7.000 Abos sei fast die Hälfte zurückgegeben worden, erzählt Weiner. „Direktorin Anna Badora hatte ihre eigenen Vorstellungen. Schade, dass sie erst sehr spät auf mich gehört hat.“ Dabei seien die Bezirke-Abonnenten durchaus keine Ignoranten, sondern Theaterbegeisterte, die auch an anderen Theatern Abos hätten. „Doch man muss zugeben: Für Theaterexperimente ist es der falsche Ort.“ Eines der größten Versäumnisse sei gewesen, dass man sich dem nicht muttersprachlich deutschen Publikum zu wenig geöffnet habe, das für Deutschkurse in die Volkshochschulen komme. Hier hätten sich viele Anknüpfungsmöglichkeiten ergeben können, sagt sie.

Doris Weiner wird zwar in Pension, nicht aber in den Ruhestand gehen. Als freie Schauspielerin hofft sie auf das eine oder andere interessante Angebot. „Ich habe zwei Boni“, schmunzelt sie. „Ich bringe Publikum, und ich brauche keine große Gage.“ Das eine oder andere Projekt in den Außenbezirken wartet auch noch auf Verwirklichung. Es sind Überreste eines engagierten und bereits sehr weit gediehenen Konzepts, das letztlich an der Wiener Kulturpolitik gescheitert ist. Doch darüber sowie über die Bezirkspläne des kommenden Direktors möchte Doris Weiner nicht im Detail sprechen. Keine Bitternis bei ihrem letzten Walzer, kein Tritt und kein Fehltritt.


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