Wenn die Angst vor dem Coronavirus Brustkrebs übersehen lässt

Im Lockdown wurden 40 Prozent weniger gynäkologische Tumore entdeckt. An der Universitätsklinik Innsbruck musste dadurch jetzt mehr operiert werden. Gynäkologe Christian Marth mahnt auch in Pandemie-Zeiten dringend zur Vorsorgeuntersuchung. Zumal die Ansteckung mit Covid-19 im Spital gering ist.

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Von Susann Frank

Die Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Ende April riefen führende Gynäkologen Tirols in der Tiroler Tageszeitung dazu auf, dringend wieder zur Brustkrebsvorsorge zu gehen, weil dies während des Lockdowns nicht möglich war. Unter ihnen war auch Christian Marth.

Der Leiter der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Innsbruck kann jetzt per Studie belegen, dass die Neudiagnosen für Brustkrebs- und gynäkologische Krebserkrankungen im Vergleich zum Vorjahr österreichweit erheblich zurückgegangen sind: Im März waren es um 24 Prozent weniger, im April und im Mai (trotz Aufrufes) um 49 Prozent weniger. Das ergaben die Daten von 2077 Patientinnen aus 18 medizinischen Zentren in Österreich.

Das resultiert daraus, weil sich im Frühjahr viele Menschen einfach nicht in medizinische Einrichtungen hineingetraut haben. Zum einen, weil aktiv dazu aufgerufen wurde, Ordinationen und Krankenhäuser nur im wirklichen Notfall zu betreten. Zum anderen, weil die Menschen Angst vor einer Ansteckung hatten. „Vor allem im Lockdown sind nur Patientinnen mit Symptomen gekommen. Das ist gar nicht gut, weil das meist bedeutet, dass der Krebs schon fortgeschritten ist“, erklärt der Gynäkologe.

Deswegen ist es ihm wichtig, erneut hervorzuheben, unbedingt zeitgerecht zur gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung zu gehen. Ziel sei es, Frauen ohne Symptome zur Früherkennung zu bewegen.

Marth betont außerdem, dass trotz Pandemie und steigender Corona-Infektionszahlen der Gang zum Arzt und in die Klinik ein ziemlich sicherer sei. „Es hat noch keinen Krankenhauscluster gegeben. Die Gefahr, sich dort anzustecken, ist minimal.“

Das Risiko eines schweren Verlaufs des Brustkrebses ist viel größer als das Covid-19-Erkankungsrisiko im Krankenhaus.
Christian Marth, Gynäkologe

Maximal kann jedoch die Gefahr eines Tumors sein. „Das Risiko, dass ein nicht erkannter Brustkrebs einen schweren Verlauf nimmt, ist viel größer als das Risiko, im Krankenhaus an Covid-19 zu erkranken“, sagt Marth.

Christian Marth.
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Genau deshalb rät er den bereits in der Chemo- oder Immuntherapien befindlichen Patientinnen dringend, die Behandlungen stets fortzusetzen. Das gelte auch für den Fall eines zweiten Lockdowns. Im Frühjahr haben einige diese Therapien, mit denen das Herunterfahren des Immunsys­tem einhergeht, abgebrochen.

Marth geht davon aus, dass eine solche extreme Maßnahme auf das gesellschaftliche Leben keine so großen Auswirkungen mehr für die Kliniken und ärztlichen Versorgungen bedeuten würde. „Wir haben viel aus der Situation im Frühjahr gelernt und ich denke nicht, dass die Regierung noch einmal die Untersuchungen zurückfahren würde.“

Er selbst ist froh, dass in Innsbruck, und so weit es ihm bekannt ist sogar in ganz Tirol, während des Lockdowns „keine dringlichen Tumor-Operationen verschoben werden mussten. Im Osten Österreichs war das leider nicht so.“ Welche Folgen das hat, wird sich erst zeigen.

Auch konnten noch keine Langzeitfolgen durch das Auslassen der Vorsorgeuntersuchungen eruiert werden. „In den USA werden alleine 10.000 Krebstote mehr erwartet“, bekundet Marth, der die Zahlen aus den Vereinigten Staaten in Relation setzt. Denn das wird in Pandemie-Zeiten oftmals vergessen. Amerika zählt fast 330 Millionen Menschen (über 41-mal so viele wie in Österreich) und die Gesundheitssysteme sind nicht vergleichbar, auch wenn die Ärzte durch jedwede Auswüchse der Pandemie – da wie hier – alle Hände voll zu tun haben. „Wir spüren seit Sommer ein erhöhtes Aufkommen in den Sprechstunden und es ist noch kein Rückgang bemerkbar.“

Aufgrund der Zunahme und der gestiegenen Tumor-OPs durch Aufschub oder späterer Erkennung haben die Ärzte an der Klinik für Frauenheilkunde im Sommer einen Teil ihres Urlaubs verschoben. „Dafür haben wir die Operationskapazitäten um ein Drittel im Vergleich mit dem Vorjahr erweitert. Diese haben wir auch gebraucht. Jetzt sind wir wieder in einer guten Situation“, Damit es wegen gynäkologischer Karzinome jedoch erst gar nicht mehr zu einem Stau auf den OP-Tischen kommt, wird Marth nicht müde, an die Vorsorgeuntersuchung zu erinnern: „Die Früherkennung kann nun einmal lebensrettend sein.“

Erkrankungen

In Österreich wurde 2017 bei 5355 Menschen Brustkrebs diagnostiziert. 518 Patienten stammten aus Tirol. In jenem Jahr sind 1587 BrustkrebspatientInnen (weil 21 davon Männer) dem Tumor schlussendlich erlegen.

Vorsorge

Umso früher der Tumor erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Brust regelmäßig abtasten, einmal im Jahr zur Vorsorgeuntersuchung gehen und alle zwei Jahre (45–69 Jahre) zur Mammografie gehen.

Gesund bleiben

Studien haben nachgewiesen, dass Sport das Risiko senkt, an Brustkrebs zu erkranken oder einen Rückfall zu erleiden. Drei bis fünf Stunden wöchentlich senken die Wahrscheinlichkeit einer Wiedererkrankung um 26 bis 40 Prozent.


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