Niedrige Kurse befeuern Aktienkäufe in Österreich

Niedrige Sparzinsen und Kurseinbruch an den Börsen weckt Interesse der Österreicher an Aktien. Tiroler legen am wenigsten auf die hohe Kante.

Die Österreicherinnen und Österreicher legen in der Corona-Krise mehr Geld auf die hohe Kante.
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Wien, Innsbruck – Die Österreicherinnen und Österreicher haben in der Corona-Krise mehr Geld gespart. 60 Prozent gaben in einer Umfrage des Zahlungsdienstleisters Klarna anlässlich der Weltsparwochen an, sparsamer geworden zu sein. Das Sparbuch verliert als Anlageform in der Krise aber an Beliebtheit, stattdessen versuchen sich immer mehr Menschen am Aktienmarkt, erklärte gestern Christoph Boschan, Chef der Wiener Börse, vor Journalisten.

„Die Österreicher nehmen den Kaufkraftverlust am Sparbuch nicht weiter hin“, sagte Boschan mit Verweis auf die seit Jahren „dramatisch niedrigen Sparzinsen“. Pro Kopf haben die Österreicherinnen und Österreicher alleine im vergangenen Jahr aufgrund der niedrigen Zinsen im Schnitt real 329 Euro verloren, zeigt eine Erhebung von Tagesgeldvergleich.net.

Die vergangenen Monate hätten deshalb einige Anleger zum Einstieg in den Aktienmarkt genutzt, sagt Boschan. Banken und Onlinebroker hätten überdurchschnittlich viele Neukunden gewonnen, der Wertpapier-Vertrieb und Depotöffnungen seien im Plus. Ein Trend, den Boschan begrüßt, schließlich würde der Aktienmarkt „historische Durchschnittsrenditen von fünf bis acht Prozent“ bieten.

Hauptverantwortlich für das gesteigerte Interesse am Aktienmarkt sind jedoch die wegen der Corona-Krise eingebrochenen Aktienindizes. Diese steigern die Erwartung von Anlegern auf rasche Gewinne, sobald sich die Wirtschaft wieder erholt. Der Kurs des Wiener Leitindex ATX war gestern im Vergleich zum Vorjahr 33,83 Prozent im Minus. Auch der Chef der Wiener Börse sieht im derzeitigen Kurs den richtigen Zeitpunkt, um Aktien zu kaufen: „Ich kaufe jetzt.“

Christoph Boschan, Chef Wiener Börse: „Die Österreicher nehmen den Kaufkraftverlust am Sparbuch nicht weiter hin.“
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Jedoch rät Boschan vor allem Kleinanlegern eher zu langfristigen Sparplänen an der Börse mit breiter Streuung der Aktien. Über lange Sicht („am besten von der Wiege bis zur Bahre“) seien mit den regelmäßigen Zukäufen die stabilsten Renditen zu erzielen, weil Preise und Kursschwankungen über die Jahre „geglättet“ würden. „Wer langfristig handelt, Schritt für Schritt investiert, breit streut und die Gebühren im Auge behält, ist für die Reise vom Sparer zum Investor gerüstet“, sagt Boschan. Renditenerwartungen „von mehr als fünf bis acht Prozent“ seien hingegen meist mit hohem Risiko verbunden und bereits „Spekulation“.

Boschan forderte gestern einmal mehr, die Finanzbildung der Österreicherinnen und Österreicher zu verbessern. Laut einer Gallup-Umfrage schätzt jeder Zweite sein Finanzwissen als „unzureichend“ ein. Dieses müsse laut Boschan bereits an den Schulen unterrichtet werden. Eine einheitliche Finanzbildung sorgt für mehr Chancengleichheit am Kapitalmarkt.

Laut der Klarna-Umfrage werden in Österreich heuer pro Kopf im Schnitt 5727 Euro gespart. Am meisten legen dabei die Steirer mit rund 10.000 Euro zur Seite. Am wenigsten die Tiroler mit 2863 Euro.

Den größten Teil des österreichischen Finanzvermögens von insgesamt 731,5 Mrd. Euro machen mit 41 Prozent Bargeld und Einlagen (Sparbuch, Konto) aus, wie Zahlen der Nationalbank (OeNB) zeigen. 22 Prozent sind in Vorsorgeprodukten veranlagt, 20 Prozent in Beteiligungen (GmbH, Privatstiftungen), 9 Prozent in Investmentfonds und 4 Prozent in Aktien. (ecke)


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