Innauer nachdenklich: „Kinder kraxeln nicht mehr auf den Zahnarztstuhl“

Skisprung-Olympiasieger Toni Innauer (62) mahnt im TT-Gespräch vor den Folgen der Bewegungsarmut und erzählt seine Sicht der Corona-Krise.

„So nah war ich einer Gams noch nie!“ Buchautor und Gämsen-Ehrenpate Toni Innauer im Alpenzoo.
© Foto TT/Rudy De Moor

Innsbruck –„Da fürchtet sich sogar der Rabe“, sagt Toni Innauer auf einem Bein stehend und lächelt. Unter Einhaltung der Corona-Auflagen stellte der Skisprung-Experte und Vordenker gestern im Innsbrucker Alpenzoo sein neues Buch vor. Bei den Übungen für Körper und Seele nahm er Anleihe bei der Tierwelt. Mit der TT sprach Innauer über aktuelle Herausforderungen.

Sie sagen, junge Leute bewegen sich zu wenig. Wie kommen Sie darauf?

Toni Innauer: Die Ergebnisse der Aufnahmetests im Schigymnasium Stams sind in den letzten zehn Jahren schlechter geworden. Auch langfristige Aufzeichnungen über internationale Kinderwettbewerbe der Skispringer in Garmisch zeichnen dieses Bild. Das lässt sich klar feststellen und hängt mit der weniger bewegten Kindheit zusammen.

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Innauer: Mir geht es nicht um die Spitzensportler, ob die besser oder schlechter beisammen sind als früher. Die Realität vieler Menschen findet zusehends im Sitzen statt. Am Schreibtisch, im Auto, vor Bildschirmen. Ein Arzt in Deutschland hat mir gesagt, dass Kinder nicht mehr auf den Zahnarztstuhl kraxeln können, weil sie zu schwer und zu schwach sind. Das stimmt mich nachdenklich.

🎥 Videobeitrag: Toni Innauer präsentiert "Die 12 Tiroler"

Das Buch mit Fitnesstipps soll ein Gegenrezept sein ...

Innauer: Zum einen will ich auf das Problem aufmerksam machen. Der zweite Teil sind, wie ich glaube, zugängliche und witzige Übungen. Wir brauchen Dinge, die einfach sind. Die leicht zu merken sind und auch Spaß machen. Es soll helfen, in Schwung zu kommen und den inneren Schweinehund zu überwinden. Manche Übungen kann man sogar im Bett machen.

Gerade in Zeiten der Corona-Krise und des drohenden Lockdowns ist es wichtig, auf ausreichend Bewegung zu achten.

Innauer: Das spielt zusammen. Einerseits sind viele Bewegungsmöglichkeiten im Lockdown nicht möglich. In Deutschland ist es schon so, dass gemeinsames Sportbetreiben nicht mehr möglich ist. Den Körper zu vernachlässigen, das rächt sich.

Die 12 Tiroler - das neue Buch von Toni Innauer.
© CSV

Die Corona-Krise erschüttert die Sportwelt. Wie blicken Sie auf den Winter?

Innauer: Ich bin natürlich direkt betroffen, indem ich als TV-Experte beim ZDF erste Auswirkungen merke. Ich werde den Skisprung-Saisonstart nicht vor Ort in Ruka (FIN) kommentieren, sondern im Studio in Wiesbaden. Für die Einreise brauche ich einen negativen Corona-Test. Die Sportler leben in der „Bubble“ und werden ihre Wettkämpfe abhalten. Als Zuschauer wird es keine groß­e Rolle spielen, denn in Ruka sind normalerweise auch nur 300 Leute.

Anders sieht es bei der Vierschanzentournee aus.

Innauer: Es gibt zwei Welten. Die eine Welt ist die des Zuschauers vor Ort, der natürlich ein wesentlicher Teil der Inszenierung ist. Das bringt Energie, das merkt man am Bergisel ganz besonders. Diese Welt wird leiden. Den Fernseh-Konsumenten betrifft das schon viel weniger, weil er wie zum Beispiel beim Stadthallen-Turnier hochklassigen Tennissport zu sehen bekommt und schlechtestenfalls das Interview mit der Maske stattfindet.

Ist es bedenklich, dass Sport zunehmend zu einem Fernseh-Event wird?

Innauer: Wenn man ehrlich ist, hat es das immer wieder gegeben. Früher haben wir Weltcups in Amerika fast ohne Fans gehabt, die waren trotzdem wichtig. Oder wenn man die Winterspiele 2018 in Pyeongchang hernimmt, da waren ein paar hundert Leute da und es waren trotzdem Olympische Spiele.

Könnte selbst die Nordische WM in Oberstdorf (Februar 2021, Anm.) wackeln?

Innauer: Da bin ich relativ sicher, dass die WM stattfindet, aber mit ganz wenigen Fans. Alles hängt natürlich mit den Kapazitäten auf den Intensivstationen zusammen.

Das Gespräch zeichnete Benjamin Kiechl auf


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