„Never Rarely Sometimes Always“: Reise in die Selbstbestimmtheit

Mit „Never Rarely Sometimes Always“ kommt eines der Viennale-Highlights direkt ins Kino.

„Wärst du manchmal nicht gern ein Kerl?”, fragt Skyler (Talia Ryder, links) ihre Cousine Autumn (Sidney Flani-gan). „Andauernd!“, lautet deren Antwort.
© Universal

Innsbruck – Als die 17-jährige Autumn das Plus auf dem Schwangerschaftstest sieht, weiß sie, dass sie jetzt keine Mutter sein will. Sie sucht Hilfe bei der örtlichen Beratungsstelle. Doch die Frau dort erzählt ihr nur von der Magie der Babygeräusche und wie wundervoll die Elternschaft sei. Zu Hause, in der Provinz von Pennsylvania, hat sie keine Chance auf einen selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch. Mit ihrer Cousine und Supermarkt-Arbeitskollegin Skyler tritt die 17-Jährige also die Reise nach New York City an. Dort angekommen müssen die beiden Freundinnen die Zeit bis zum nächsten Morgen in der U-Bahn und auf der Straße totschlagen, ohne Geld in der Stadt, die auch in diesem Film niemals schläft.

📽 Trailer | „Never Rarely Sometimes Always“

Wie ein Großstadt-Abenteuer legt Eliza Hittman ihren dritten Spielfilm an. „Never Rarely Sometimes Always“ – benannt nach den vier Antwortmöglichkeiten auf dem Fragebogen der Abtreibungsklinik – ist ein großartiges kleines Drama, das sein schweres Thema fast beiläufig-leicht in die Geschichte einer Freundschaft verpackt. Autumn, fantastisch zurückhaltend verkörpert von Sidney Flanigan in ihrem Debüt, spricht nicht viel über ihre Situation mit ihrer besten Freundin Skyler (ebenfalls ein tolles Schauspieldebüt: Talia Ryder), die ihr als Einzige beisteht, und sie sagt damit umso mehr.

Ohne es darauf anzulegen, gilt dieses Werk als Film der Stunde. Eine Abtreibungsgegnerin als Höchstrichterin in den USA und noch drakonischere Gesetze im erzkatholischen Polen machen die Lage für ungewollt schwangere Frauen noch schwieriger.

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Eliza Hittman gelingt es phänomenal, die politische Gefährdung des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch als konkrete emotionale Geschichte ihrer Protagonistin einzufangen – nicht als mitleidiges Melodrama, sondern als sensibel und reduziert inszenierte Coming-of-Age-Erfahrung. Bei aller wichtigen feministischen Thematik erzählt Hittman doch vor allem eine immens filmische Geschichte ohne belehrende Dialoge und Script-Klischees.

Die renommierte französische Kamerafrau Hélène Louvart gießt die Reise der beiden Teenager in beeindruckende, warme Großstadt-Bilder. Perfekt ausgewählte Songs und Editor Scott Cummings geben ihr den fließend-hypnotischen Rhythmus, der schon Hittmans zwei frühere Filme auszeichnete. Dafür wurde der Film beim Sundance Festival und der Berlinale verdient prämiert. Eines der besten Dramen dieses so seltsamen Kinojahres. (maw)


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