Tödlicher Unfall in Innsbruck zeigt: Radfahrer besonders gefährdet

Die Zahl der Fahrradunfälle hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Wer mit dem Rad unterwegs ist, hat statistisch gesehen das höchste Verletzungsrisiko.

Bei einem Sturz ist der Radfahrer von keiner Karosserie geschützt. Ein Helm kann dann Leben retten.
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Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Es war der zweite tödliche Fahrradunfall in Innsbruck binnen weniger Wochen, der sich am Sonntagabend in der Museumstraße ereignet hat. Wie berichtet, war ein 27-Jähriger auf einer Radfahrüberfahrt zu Sturz gekommen, nachdem er zuvor entgegen der Vorschrift abgebogen war. Der Mann wurde von einem Bus überrollt, er starb noch an der Unfallstelle. Anfang September war am Tummelplatzweg ein 16-Jähriger nach einer Vollbremsung mit seinem Rad gegen einen abgestellten Pkw geprallt und anschließend in der Klinik seinen Verletzungen erlegen. Im Schnitt sterben in Tirol pro Jahr vier Radfahrer bei Verkehrsunfällen.

„Das Risiko, im Straßenverkehr verletzt zu werden, ist statistisch gesehen auf den zurückgelegten Kilometer gerechnet beim Radfahren am größten“, weiß Klaus Robatsch, Leiter der Verkehrssicherheitsforschung im Kuratorium für Verkehrssicherheit. Die Statistik zeigt außerdem, dass die Zahl der Verletzten bei Fahrradunfällen in den vergangenen Jahren stetig angestiegen ist: Zählte man 2010 noch 600 verunglückte Radfahrer in Tirol, so hat sich die Zahl inzwischen mehr als verdoppelt – nämlich auf rund 1250 im Jahr 2019. Robatsch führt das einmal auf den grundsätzlichen Trend hin zum Radfahren zurück, macht aber auch fehlende Infrastruktur für Radfahrer sowie einen teilweise zu laschen Umgang mit den Verkehrsregeln für die Zunahme der Unfallzahlen verantwortlich.

„Die Hälfte aller Radunfälle passiert im Kreuzungsbereich“

„Es reicht nicht, wenn eine Gemeinde einen Pinselstrich zieht und das dann Radweg nennt“, sagt der Experte und appelliert an die Entscheidungsträger, sich verantwortungsvoll mit Radwegkonzepten auseinanderzusetzen. Wenn sich dann auch Auto- und Radfahrer an die Verkehrsregeln halten, würde das mehr Sicherheit auf den Straßen bringen. Konkret spricht Robatsch hier die Radfahrerüberfahrten an, an denen Autofahrer Radfahrern das Überqueren ermöglichen müssen. Die Radler dürfen sich diesen ihrerseits allerdings nicht schneller als mit 10 km/h nähern. „Die Hälfte aller Radunfälle passiert im Kreuzungsbereich“, betont Robatsch.

Einen Ausbau der Infrastruktur für Radfahrer im Sinne der Verkehrssicherheit fordert auch Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ): „Gute Rad-Infrastruktur ist für sicheres Radfahren ganz zentral. Von den 8096 Rad-Unfällen in Österreich passierten im Vorjahr nur 2312 auf Anlagen für den Radverkehr. Überhaupt nur 434 – das sind fünf Prozent – der Unfälle passierten auf Radwegen.“ Auch Radfahrstreifen und Mehrzweckstreifen würden die Sicherheit beim Radfahren erhöhen: Im Vorjahr passierten dort gerade einmal vier Prozent der Fahrradunfälle. „Die Infrastruktur für den Radverkehr wurde in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich sträflich vernachlässigt. Hier ist die Verkehrspolitik gefordert, der Bevölkerung eine zeitgemäße Infrastruktur für sicheres Radfahren zur Verfügung zu stellen“, betont Gratzer.

Was die Frage nach den Unfallverursachern angeht, verweist er auf die Unfallstatistik: „Diese widerlegt die weit verbreitete Annahme, ein Großteil der Radfahrunfälle würde von den Radfahrern verursacht werden. Laut Statistik Austria waren im Vorjahr 36,8 Prozent der an Verkehrsunfällen beteiligten Radfahrer auch Unfallverursacher.“

„Der Radfahrer nimmt meist den kürzesten Weg"

Verkehrspsychologin Marion Seidenberger und Unfallforscher David Nosé (beide ÖAMTC) betonen in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit, einen Helm zu tragen. „Der Helm ist die einzige Möglichkeit, um das Risiko von schweren oder tödlichen Kopfverletzungen bei Unfällen oder Stürzen zu minimieren.“ Auch helle Bekleidung mit Reflektoren sowie eine gesetzeskonforme „Lichtausstattung“ würden die Sichtbarkeit erhöhen und einen Sicherheitsvorteil bieten. Zudem empfehle es sich, immer defensiv zu fahren, also darauf zu achten, was andere Verkehrsteilnehmer machen – vor allem bei Kreuzungs- oder Einmündungsbereichen.

„Der Radfahrer nimmt meist den kürzesten Weg und hat es außerdem auch oft eilig“, weiß Reinhard Moser, Chef der Innsbrucker Verkehrspolizei. „Dass er dabei aber zu Sturz kommen und sich verletzen könnte, damit rechnet er nicht.“ Im vergangenen Jahr hat sich im Innsbrucker Stadtgebiet im Schnitt fast jeden Tag ein Fahrradunfall ereignet – in Summe waren es 335 Unfälle. Was dabei die Schuldfrage angeht, unterscheiden sich die Innsbrucker Daten von der Bundesstatistik: Bei zwei Dritteln der Innsbrucker Radunfälle waren die Radfahrer die Verursacher. Moser appelliert daher an die Radfahrer, konzentriert zu fahren und sich an die Verkehrsregeln zu halten.


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