Schleudertrauma: Ein Name für keine Diagnose

Nach einem Auffahrunfall mit dem Auto erzählen Menschen oft, an einem Schleudertrauma zu leiden. Doch die damit verbundenen Nackenschmerzen geben den Ärzten Rätsel auf.

Vor und zurück: Beim Autounfall wird die Halswirbelsäule durch die Kraft des Aufpralls beansprucht. U. a. dient das MRT dazu, ein Trauma auszuschließen. Falls der Patient ohne sichtbare Verletzung zum Beispiel über Nackenschmerzen klagt, fällt das unter den Begriff Schleudertrauma.
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Von Susann Frank

Innsbruck – Ein glimpflich verlaufener Auffahrunfall, ein Patient, der über Nackenschmerzen klagt und daheim erzählt, er habe ein Schleudertrauma. Vielen ist dieses Szenario ein Begriff. Aber was genau ist eigentlich ein Schleudertrauma?

Rene Schmid holt hörbar Luft und sagt dann überraschenderweise: „Das zu definieren, ist äußerst schwierig.“ Die danach folgende Antwort des geschäftsführenden Oberarztes für Orthopädie und Traumatologie an der Uni-Klinik Innsbruck fällt noch unerwarteter aus: „Diese allgegenwärtige Diagnose gibt es eigentlich nicht.“

Orthopäde Rene Schmid: „Der Begriff Schleudertrauma vereint eine Gruppe von Symp­tomen, die nach Verkehrsunfällen auftreten.“
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Wieder entsteht eine Pause, dann fängt der Tiroler ausführlich an, das medizinische Phänomen Schleudertrauma zu erklären: „Der Begriff vereint eine Gruppe von Symptomen, die nach Verkehrsunfällen auftreten, typischerweise nach einem Heckaufprall. Allerdings wird bei dem Patienten keine Verletzung gefunden, obwohl dieser über Nackenschmerzen und Bewegungseinschränkungen in dieser Region klagt.“

Die Diagnose, die ja eben eigentlich keine sei, erfolge jedoch erst, wenn Verletzungen durch Röntgen oder Magnetresonanztomographie (MRT) ausgeschlossen wurden. „Ganz wichtig ist, vorher Traumata an Wirbelsäule und Bandscheiben und daraus entstehende Instabilitäten auszuschließen. Dasselbe gilt für neurologische Ausfälle “, betont Schmid mit Nachdruck. Und erst dann erklären die Mediziner dem Patienten, an einem Schleudertrauma zu leiden.

„Das wirklich Gute daran ist, dass die Heilungsprognose sehr gut ist. 60 bis 80 Prozent der Patienten sind innerhalb von sechs Wochen beschwerdefrei“, berichtet Schmid. Und aus dem Grund versucht er, den Patienten die damit einhergehenden Ängste gleich zu nehmen: „Das Wichtigst­e ist, über die Harmlosigkeit der Symptome aufzuklären. Die Patienten müssen beruhigt und darauf hingewiesen werden, nicht ungeduldig zu sein. Zudem soll der Arzt klarstellen, dass keine strukturelle Verletzung besteht. Also wirklich nichts passiert ist.“

Wie die Beschwerden dann zu erklären sind? „Die These ist, dass an den kleinen Wirbelgelenken Schleimhautfalten komprimiert werden und diese Schmerzen auslösen. Bildgebend ist das jedoch noch nie nachgewiesen worden“, klärt der 47-Jährige auf.

Wahrscheinlich sei jedoch, dass die psychische Komponente eine Rolle spiele. „Der Aufprall ruft Ängste hervor, dazu verursacht er ein lautes Geräusch, das ist mit Stress verbunden. Das alles beeinflusst den Menschen“, erläutert er.

Schmid untermauert die Aussage anhand eines Versuchs mit Placebo-Effekt: „Ein Autostuhl, in dem die Probanden saßen, wurde beschleunigt. Doch der Unfall wurde per Geräusch nur vorgespielt. 20 Prozent der Probanden klagten danach über Nackenschmerzen, ebenso viele wie in der Vergleichsgruppe, die wirklich einen Auffahrunfall erlebt hatten.“ Zudem sei bewiesen, dass alle Unfälle unter einer Geschwindigkeit von zehn km/h keine Verletzungen hervorrufen würden.

Aus diesem Grund fällt die Behandlung einfach aus: „Der Patient soll sich normal bewegen. Die Einnahme von Schmerzmitteln ist zu Beginn bei stark subjektiven Schmerzen sinnvoll, dann nicht mehr.“ Auch Physiotherapie sei erst einmal unnötig: „Meines Erachtens genügt es, sie erst nach zwei bis drei Wochen einzuleiten. Schließlich ist ein Großteil der Patienten zu diesem Zeitpunkt schon wieder beschwerdefrei.“ Halskrausen werden übrigens schon länger nicht mehr verschrieben, weil sie Kopf oder Hals in eine gewisse Position zwingen würden und dadurch Schmerzen entstehen können.

Ein fader Beigeschmack bleibt: Es gibt Menschen, die langzeitig über Symptome klagen. Doch Schmid erklärt, dass „bei ihnen multimediale Therapieansätze und individuelle Behandlungen sinnvoll sein können“.


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