„Die unaufhörliche Wanderung“: Schönsprech an der Straßenkreuzung

Karl-Markus Gauß erkundet in „Die unaufhörliche Wanderung“ die Geschichten hinter schmucken Fassaden.

Nächste Woche findet in Ljubljana ein internationales Symposium statt, das sich dem Werk von Karl-Markus Gauß widmet.
© Thomas Boehm / TT

Innsbruck – Das Sich-Ergehen bisweilen abseitiger Wege war in den vergangenen Monaten auch Karl-Markus Gauß verwehrt. Schon bevor hierzulande erstmals dem Seuchenschutz geschuldeter Stillstand verordnet wurde, im so seltsam fernen Frühjahr 2019, veröffentlichte Gauß seine „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“. Sie sei angesichts neuerlicher Bewegungsbeschränkungen an dieser Stelle ein zweites Mal wärmstens zur Lektüre empfohlen.

Nun hat Karl-Markus Gauß ein neues Buch veröffentlicht. „Die unaufhörliche Wanderung“ führt ihn wieder hinaus. Und es geht zurück in die Zeit. Die Textsammlung umfasst Reportagen und essayistische Einwürfe aus zwei Jahrzehnten. Ein Großteil davon ist zwischen 2001 und 2019 bereits andernorts erschienen – Gauß’ dem nunmehrigen Buch seinen Titel gebende Erkundung der einstigen Vielvölkerstadt Odessa zum Beispiel. Drei knappe Reiseerzählungen sind neu. Sie fügen sich nahtlos in den klug komponierten Textkorpus ein.

Als Gegenwartsbeschreiber geht Karl-Markus Gauß auch bei seiner „Unaufhörlichen Wanderung“ vom beinahe Beiläufigen aus – und dem nach, was ihm daran auffällt. Er sieht und hört hin, liest, und denkt nach. Und er formt aus dem, was er hört, sieht und aus dem, was er sich dazu denkt, vollendet schöne Sätze.

Gauß’ Misstrauen gilt dem allzu Modischen. Egal, ob er an einer Straßenkreuzung in Salzburg steht oder gängigen „Schönsprech“ studiert. Misstrauisch macht ihn nicht die etwaige Erkenntnis, dass früher vieles besser und alles schöner war. Das war es nicht. Auch das kann man in „Die unaufhörliche Wanderung“ nachlesen. Sondern dass modische Oberflächen nun einmal vom Brodeln darunter ablenken. Ist der Konkurrenzkampf entspannter, wenn keine Konkurrenten mehr kämpfen, sondern Marktbegleiter? Ist tagespolitischer Zynismus weniger zynisch, wenn der Tagespolitiker sich zu seiner großen Demut bekennt?

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Auch als Sprach- wie Gesellschaftskritiker bleibt Karl-Markus Gauß analytisch. Er argumentiert nie frei von Ironie, stets ohne plumpe Polemik. Bisweilen widerspricht er vehement. Vor allem aber beschreibt er Widersprüche, geht ihnen beschreibend auf den Grund. Am Eindrücklichsten gelingt ihm das vielleicht im Reisebild „Trˇebícˇ, Stadt ohne Juden“: Das jüdische Viertel der tschechischen Stadt ist eine Postkartenschönheit mit Weltkulturerbesiegel. Die Schönheit seiner verwinkelten Gassen ist dem Umstand geschuldet, dass die einst katholische Obrigkeit keinen zusätzlichen Lebensraum für Andersgläubige gestattete. Seit der Shoah leben im schönsten jüdischen Viertel Europas keine Juden mehr. Gerade von schmucken Fassaden darf man sich nicht ablenken lassen. (jole)

Reportagen. Karl-Markus Gauß: Die unaufhörliche Wanderung. Zsolnay, 204 Seiten, 23,70 Euro.


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