Nachwuchs im Corona-Lockdown: Der Kampf um die jungen Sportler

Der zweite Lockdown bringt heimische Sport-Talente in die unangenehme Warteposition. Tiroler Vereinsverantwortliche wehren sich dagegen.

Kletterhallen bleiben vorerst zu, die Hoffnung auf gutes Wetter eint deshalb die Szene.
© Lisa Thaler / TT

Innsbruck – Täglich wird Tirols Sportamtsleiter Reinhard Eberl mit Anrufen behelligt, der Tenor ist stets der gleiche: „Was können wir machen?“ Der ehemalige Landesskiverbandspräsident muss vom Nachwuchs- bis hin zum Seniorensport stets mit der gleichen Antwort aufwarten: „Ich kann nur informieren, nicht entscheiden.“ Es sei Aufgabe der Fachverbände, sich im Ministerium mit innovativen Konzepten Gehör zu verschaffen, um zumindest einen Trainingsbetrieb zu gewährleisten. Selbst eine Petition („Lasst die Nachwuchs- und Breitensportler wieder ihren Sport ausüben!“) wurde ins Leben gerufen, gestern erreichte der Aufruf bereits die 1000er-Marke an Unterstützungserklärungen. Und auch die „Initiative für den Amateursport“ widmet sich diesem Thema. Der Bundesregierung wolle man mit einem „stillen, friedlichen Protest“ am Wiener Heldenplatz zeigen, dass deren Einschätzung der Situation bezüglich Sport „eine völlig falsche“ sei. Doch wie reagieren die Tiroler Verbands- und Vereinsverantwortlichen auf die so unbefriedigende Situation?

Fußball: „Die erste Lockdown-Phase ist bei uns relativ gut gegangen, auch weil unsere engagierten Nachwuchs-Trainer schnell umgeschaltet und die Kinder bei Laune gehalten haben“, blickt WSG-Tirol-Nachwuchsleiter Robert Tomsche auf den Frühling zurück. Mit dem erneuten Lockdown folgte nun der „nächste Hammer“. Natürlich verliere man auf diesem „schweren Weg“ auch Kinder, aber das seien „ganz wenige“. Man habe auch den Vorteil, als Bundesliga-Verein einen großen Zulauf zu haben. „Da haben es Dorfvereine natürlich schwerer.“ Tomsche hofft, dass bald wieder Normalität einkehrt: „Denn soziale Kontakte sind für die Kinder das Wichtigste.“

Erst vor Kurzem angetreten, muss sich der frischgebackene Nachwuchsleite beim FC Wacker, Renato Gligoroski, schon mit dem nächsten Lockdown auseinandersetzen: „Wir sind dabei Dinge aufzubauen, die online machbar sind. Wir wollen innovativ sein.“ Der Fokus soll auch auf nicht fußballspezifischen Trainingsinhalten – wie Rhythmus- und Körpergefühl – liegen. Denn Fußball-Training ist aus der Distanz quasi unmöglich. „Ich bin selbst in einer kleinen Wohnung aufgewachsen, die Möglichkeiten sind beschränkt. Da müssen wir realistisch sein.“

Tennis: Rund 40 Tiroler Nachwuchs- und Elite-Spieler dürfen auch im Lockdown in den vier Hallen in Tirol unter strengen Auflagen trainieren. Die Kriterien: internationales Ranking, Top 20 österreichweit oder schulischer Bezug sowie mit wenigen Ausnahmen ein Mindestalter von 14 Jahren. Allen anderen bleibt vorerst nur der Glaube an die gute Wetterprognose – Training auf Freiplätzen ist ja im Einzel erlaubt, im Doppel müssen die Spieler aus einem oder zwei Haushalten stammen. Andreas Moitzi, Jugendreferent des Tiroler Verbandes (TTV), sieht die Situation entspannt. „Wir haben steigende Zahlen im Nachwuchs. Nachdem heuer viel untersagt war, haben es viele im Tennis probiert. Auch wegen Dominic Thiem“, sagt der Tennis-Schulenleiter. Dem Nachwuchs, der nicht trainieren darf, rät er: „So oft wie möglich im Freien spielen.“

Klettern: Auch hier ist der goldene Herbst der Schlüssel zum Erfolg. „Es ist immer schade, wenn der Nachwuchs nicht trainieren darf. Aber das Wetter ist gut und unsere Trainer sind kreativ“, sagt Heiko Wilhelm, Sportdirektor des Kletterverbandes (KVÖ). Die meisten pausieren ohnedies bis Mitte November – wer danach im Kletterzentrum Innsbruck trainieren darf, wird mit dem Sportministerium abgestimmt. Die besten Nachwuchs-Athleten mit Top-Leistungen dürfen aber in die Halle.

Radsport: „Wir unterschätzen die Situation um das Coronavirus extrem. Uns fällt im Sport kein Zacken aus der Krone, wenn wir kürzertreten“, sagt Günther Feuchtner, Vizepräsident des Tiroler Radsportverbands und Leiter des Tiroler Leistungszen­trums. 32 positive Corona-Fälle zählt er in seinem Umfeld, einer dieser Fälle befindet sich auf der Intensivstation. Deshalb sei es in Ordnung, dass die Jungen bis 23. November pausieren. „Danach starten wir mit Skitouren statt Kraftkammer.“

Skisport: „Nachwuchsarbeit ist nicht auf eine Saison zu sehen, sondern auf die Entwicklung der Jahre“, beruhigt Arno Staudacher, Direktor am Schigymnasium Stams. Auch in der Talenteschmiede lerne man, mit der neuen Normalität umzugehen. „Wir werden mit einem blauen Auge davonkommen.“ Zumindest können die Wintersport-Talente planmäßig trainieren, das Internat kann offen bleiben. Eine Sorge Staudachers bleibt jedoch: dass die Wettkampfsaison nur eingeschränkt stattfinden kann. (t.w., ben, rost, floh)

Reaktionen

Reinhard Eberl (Landessportamtsleiter Tirol): „Wir haben allerhand Anfragen, welche Form von Training möglich ist. Aber wir können nur informieren, nicht entscheiden.“

Arno Staudacher (Direktor Schigymnasium Stams): „Nachwuchs­arbeit ist nicht auf eine Saison zu sehen, sondern auf die Entwicklung der Jahre. Ich denke, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen.“

Robert Tomsche (Nachwuchsleiter WSG Tirol): „Natürlich verlierst du Kinder auf dem Weg, aber es sind bei uns auch dank unserer engagierten Nachwuchstrainer nur wenige.“

Reinhard Kessler (Präsident Tiroler Leichtathletikverband): „Wir können bestimmte Dinge wie Gruppentraining nicht machen. Du musst Alternativen finden, was nicht leicht ist. Ich glaube, dass die Vorgaben überzogen sind.“

Renato Gligoroski (Nachwuchsleiter FC Wacker): „Ich fühle mich, als ob das Flutlicht abgedreht worden wäre. Wir werden versuchen, im Rahmen unser Möglichkeiten alles auszuloten. Vieles ist online machbar.“

Richard Kössler (Obmann WBC Tirol): „Die Wasserball-Ligen wurden nur unterbrochen, so konnten wir kürzlich die Nachwuchsligen fertigspielen und die Kinder hatten ein Ziel.“

Martin Scherwitzl (Tirols Judo-Präsident): „Wir haben im Judozentrum jährlich 150 Neuzugänge. Der Lockdown ist für uns ein Knock-out, weil die meis­ten im Herbst beginnen.“

Günther Feuchtner (Radsport/TTV-Vizepräsident): „Wir unterschätzen die Situation extrem. Uns bricht im Sport kein Zacken aus der Krone, wenn wir kürzertreten.“

Heiko Wilhelm (Klettern/KVÖ-Sportdirektor): „Es ist schade, aber unsere Trainer sind kreativ und finden Alternativen.“

Andreas Moitzi (Tennis/TTV-Jugendreferent): „Rund 40 Spieler dürfen in Tirol trainieren. Den Jungen, der nicht spielen darf, raten wir: jede Stunde im Freien spielen, was geht!“


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