Klimawandel setzt Agrargemeinschaften im Außerfern zu

Die Fichte verabschiedet sich in niedrig gelegenen Regionen großflächig. Die Kosten der Schadholzbringung sind weit höher als die Einnahmen daraus.

Der Zwieselberg war heuer einer der Außerferner Hotspots bei der Aufarbeitung von Sturmschäden. Die Bringung aus der Höhe war teuer.
© BFI Reutte

Von Helmut Mittermayr

Reutte – Wenn den Waldaufseher schon bald seine Arbeit nicht mehr freut, weil alles keinen „Wert“ mehr hat, dann ist ein Umbruch im Gange. In Reutte ist das so und die dortige Agrargemeinschaft steht stellvertretend für eine vom Klimawandel ausgelöste Problematik. „An eine normale Bewirtschaftung des Waldes ist seit zwei Jahren nicht zu denken“, sagt Thomas Storf, Agrarobmann in Reutte. Die Ausgaben seien derart gestiegen und die Preise parallel dazu in den Keller gefallen, dass mit der Holzwirtschaft nichts mehr zu verdienen sei und auf Rücklagen zugegriffen werden müsse.

Für Storf ist die Problematik komplex und gewiss keine allein für Reutte. Ein Rädchen greife ins andere. Sturmschäden und die dadurch ausgelösten hohen Bringungskosten würden der Agrar zu schaffen machen. Fichten seien durch Klimawandel und geringe Niederschläge schon geschwächt, die Stürme nehmen hingegen zu. Der Borkenkäfer warte wie immer gefräßig auf die „Umfaller“. Hinzu komme der verfallende Preis, ausgelöst durch ein riesiges Überangebot aus der großflächigen Zerstörung der Fichtenwälder durch Trockenheit und Käfer in Mitteleuropa. Die Mindereinnahmen würden auch daraus resultieren, dass Schadholz unbedingt aus dem Wald, gewinnbringendes hingegen dort stehen bleiben müsse. Wenig hilfreich für die Preisentwicklung sei auch die immer stärkere Konzentration in der Holzindustrie selbst.

Weit entfern von "heiler Welt"

„Die Fichte verabschiedet sich großflächig“, sagt Josef Walch, Chef der Bezirksforstinspektion Reutte, nüchtern. Damit meint er nicht unbedingt schon die Landschaften im Außerfern – eher tieferliegende Regionen in Deutschland, Tschechien, Ober- und Niederösterreich. Das dortige, durch den Klimawandel ausgelöste großflächige Fichtensterben habe starken Einfluss auf den hiesigen Markt und damit die Erlöse. Über 850 Höhenmetern gehe es der Fichte zwar noch besser, aber von einer heilen Welt sei man auch hier weit entfernt.

Walch nennt Zahlen. „In früheren Jahren lag der Schadholzanteil im Bezirk Reutte immer zwischen 15 und 25 Prozent. In den letzten sechs Jahren betrug er durchschnittlich 65 Prozent.“ Nur noch 35 Prozent taugliches Nutzholz konnte in den Verkauf gebracht werden. Die 2019er-Zahlen werfen ein Schlaglicht auf die Problem-Ernte. 71.000 Festmeter wurden im Außerfern dem Wald entnommen, davon waren 52.000 Schadholz, 70 Prozent. Und heuer sei es noch schlimmer. Bis Anfang November sind 68.000 Festmeter angefallen. Gleich 60.000 davon waren Schadholz, umgerechnet 90 Prozent. Für Forstwirt Josef Walch ist klar: „Das geht ans Existenzielle.“ Der Erlös decke manchmal gerade noch die Kosten. Wenn aber lange Holzbringungsbahnen oder gar ein Lastenhubschrauber nötig seien, dann gehe es an die Substanz. Natürlich gebe es andere Einkünfte wie Jagd oder Hüttenverpachtung, aber mit dem Ausfall der Haupteinnahme­quelle seien die vielfältigen Aufgaben der Agrar nicht zu finanzieren.

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Reuttes Agrar sei – noch – nicht in Nöten

Thomas Storf verweist hierbei etwa auf die Wegerhaltung: „Der Dürrenberg ist der Lieblingsberg der Reuttener Freizeitsportler. Alle nehmen es wie selbstverständlich hin, dass die Wege in Schuss gehalten werden. Auch nach Schlagwettern.“ Dies sei aber nur dann selbstverständlich, wenn genügend Geld da sei, dies zu bewerkstelligen. Storf will nicht jammern, Reuttes Agrar sei – noch – nicht in Nöten. Aber Einnahmen und Ausgaben würden gerade ziemlich aus dem Ruder laufen.

Forstfachmann Walch bringt das Beispiel Zwieselberg. Die Agrargemeinschaften Reutte und Breitenwang waren dort von Sturmschäden betroffen, 2500 Festmeter lagen am Boden. Da das Windwurfgebiet hoch über dem Plansee Schutzwaldfunktion habe, hätte gehandelt werden müssen. „Aber obwohl sogar öffentliche Förderungen von 60 Prozent gewährt worden sind, haben beide Agrargemeinschaften Verluste aus der Holzbringung hinnehmen müssen.“


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