Regionale Zeitgeschichte online: Erinnerung an Todesmärsche

Tiroler Museen beleuchten online ein beklemmendes Kapitel regionaler Zeitgeschichte.

Einer der Todesmärsche von KZ-Häftlingen Richtung Tirol, fotografiert am 28. April 1945 in Starnberg (Oberbayern).
© akg-images / Benno Gantner

Innsbruck, Absam, Seefeld – Am heutigen Montag jährt sich das Novemberpogrom von 1938 – das organisierte Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung, das in Innsbruck von besonderer Brutalität gekennzeichnet war.

In einem Programm, das heute Früh online geht, erinnern die Tiroler Landesmuseen und das Gemeindemuseum Absam an einen weiteren erschütternden Aspekt der regionalen NS-Geschichte – die Todesmärsche von KZ-Häftlingen Richtung Tirol kurz vor Kriegsende 1945.

Seit Monaten hatten die beiden Museen für 9. November die österreichische Erstaufführung der Klaviersonate „27. April 1945“ von Karl Amadeus Hartmann im Ferdinandeum vorbereitet.

Dabei sollten auch die realen Hintergründe dieser Komposition erläutert werden: Hartmann war nämlich Augenzeuge der Todesmärsche. Am 27. April 1945 sah er direkt vor seinem Haus am Starnberger See, wie schwerbewaffnete SS-Männer Hunderte entkräftete, ausgehungerte Häftlinge mit Kampfhunden Richtung Alpen trieben. Sie sollten vor den anrückenden US-Truppen fortgeschafft werden.

Hartmann, der sich zwischen 1933 und 1945 dem NS-Musikbetrieb verweigert hatte und daher nicht aufgeführt wurde, versuchte dem Vergessen mit der Komposition einer Klaviersonate entgegenzutreten. Er stellte ihr beklemmende Worte voran: „Am 27. und 28. April 1945 schleppte sich ein Menschenstrom von Dachauer ‚Schutzhäftlingen‘ an uns vorüber – unendlich war der Strom – unendlich war das Elend – unendlich war das Leid.“

Der zweite Lockdown hat die Museen nun dazu gezwungen, die Veranstaltung ins Netz zu verlegen: Franz Gratl vom Ferdinandeum, Matthias Breit vom Gemeindemuseum Absam und der Pianist Michael Schöch haben einen Teil des Programms aufgezeichnet und einen Pod-cast erstellt.

Den ursprünglich geplanten Abend haben die Museen einem der wenigen namentlich bekannten Opfer des Todesmarsches nach Tirol vor 75 Jahren gewidmet: Der gelernte Schneider Josef Markofsky, am 25. März 1915 in Radom in Polen geboren, starb am 2. Mai 1945 im Altenheim in Telfs.

Markofsky war politischer Häftling des KZ Dachau und einer von ca. 1700 Menschen, die mit dem Zug – Endstation Seefeld – Richtung Tirol verfrachtet wurden. Nach seiner Befreiung durch die amerikanischen Truppen brach er in Telfs zusammen und wurde im Altenheim untergebracht, wo er nach zwei Tagen verstarb.

Die Bildung des Häftlingszuges („Kommando Ötztal“) war am 23. April 1945 im KZ Dachau befohlen worden. Vermutlich sollte unter Einsatz der Gefangenen die Errichtung eines Großwindkanals für Flugzeugtests im Ötztal vorangetrieben werden. In Seefeld mussten die mehrheitlich jüdischen KZ-Häftlinge aus dem Zug, in dem sie seit Tagen vor sich hin vegetierten, sie wurden zu Fuß weiter nach Mösern und später wieder zurück nach Seefeld getrieben.

Viele starben, ganz knapp vor der Befreiung, an Kälte und Erschöpfung oder wurden erschossen. Wie viele Opfer der Zugtransport und die Todesmärsche im Raum Seefeld-Mittenwald forderten, steht nicht fest. Am Waldfriedhof Seefeld ist von 63 namenlosen Opfern die Rede, dort erinnert seit 2016 auch ein Denkmal an sie.

Abzurufen ist der Podcast unter: https://soundcloud.com/hoerpositionen

Teil 2 des Programms mit einem Text der kürzlich verstorbenen Ruth Klüger und einer Audio-Dokumentation zum Befreiungsdenkmal am Landhausplatz geht am 16. November online. (TT, md)


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