Arbeiten an der Belastungsgrenze: Ein Einblick in die Covid-Station

12-Stunden-Schichten, harte körperliche Arbeit mit Masken und Schutzanzügen. Das Pflegeteam der Innsbrucker Haupt-Covid-Station leistet Herausragendes.

Christian Kapferer ist seit über 20 Jahren Experte der Intensivpflege. Er arbeitet in der mit 16 Beatmungsplätzen ausgerüsteten Haupt-Covid-Station der Klinik Innsbruck, die bereits voll belegt ist.
© Kapferer

Von Brigitte Warenski

Innsbruck — Fünf bis sieben Minuten braucht Christian Kapferer, um seine Schutzausrüstung anzulegen. Mit Schutzanzug, FFP3-Maske, Handschuhen und Schutzbrille geht es dann durch eine Schleuse, ein Muss vor jedem Kontakt mit den Patienten auf der Haupt-Covid-Station der Klinik Innsbruck, die an der Intensivabteilung der Inneren Medizin eingerichtet wurde.

Das Atmen durch die FFP3-Maske fällt schwer, man schwitzt in den Anzügen. „Das ist alles schon körperlich sehr anstrengend und belastend. Viele Kollegen klagen z. B. über Kopfschmerzen durch die eng anliegenden Masken", erzählt Kapferer, einer der stv. Leiter des dortigen Expertenteams für Intensivpflege. Zwei bis vier Stunden durchgehend verbleibt das Pflegeteam meist in einem Zimmer. „In dieser Zeit können wir natürlich nichts trinken, nichts essen und auch nicht auf die Toilette gehen." Hier gilt es durchzuhalten, denn „das dauernde Ein- und Ausgehen mit dem Anlegen und Ablegen der Schutzausrüstung würde zu viel Zeit kosten und zu viel Schutzausrüstung verbrauchen". In den Intensivzimmern ist auch körperlich harte Arbeit zu verrichten: „Wir müssen z. B. Patienten auf den Bauch legen, weil das bei vielen Corona-Kranken die beste Position ist. Das schafft man aber nur zu dritt oder zu viert, denn man muss sehr vorsichtig sein, dass man keine lebenswichtige Leitung herausreißt und so unter anderem die Beatmung unterbrochen wird", sagt Kapferer, der seit über 20 Jahren in der Intensivabteilung arbeitet.

Die Lage in den Kliniken spitzt sich zu.
© APA

Mit steigender Zahl an Corona-Intensivpatienten ist die personelle Situation angespannt. Für die zehn Beatmungs- und sechs Überwachungsbetten wurden zu Nicht-Corona-Zeiten 14 Pflegekräfte zu einer Tagschicht — die acht oder zwölf Stunden dauert — eingeteilt. Jetzt sind alle 16 Betten zu Beatmungseinheiten umfunktioniert und derzeit auch voll belegt, die Pflegemannschaft besteht trotzdem nur aus 17 Personen. Im zwölfstündigen Nachtdienst arbeiten acht Pflegekräfte gemeinsam, vor Corona waren es sieben.

Es braucht ein bis zwei Jahre, bis man sich auch in Notfällen wirklich allein alles zutraut.
Christian Kapferer
 (Experte für Intensivpflege)

„Unsere Patienten brauchen rund um die Uhr Betreuung, und wenn bei uns Personal krank würde und ersetzt werden müsste, könnte das mitunter problematisch werden", so Kapferer. Dass es das Personal ist, das in Österreich derzeit vielen Sorge bereitet, und nicht in erster Linie die Betten, liegt auf der Hand. Für alle Abteilungen mit schwerst erkrankten Corona-Patienten kann nur Personal herangezogen werden, das eine Intensivausbildung hat. „Man braucht keine spezielle Covid-Ausbildung. Aber allein die Sonderausbildung für die Intensiv­stationen, die man als akademischer Experte abschließt, dauert 1,5 Jahre länger als die Ausbildung für die Normalstationen. Sie umfasst 560 Stunden Theorie und 760 Stunden praktische Ausbildung", weiß Kapferer. Als Experte in der Intensivpflege „benötigt es auf den Intensiv- und Überwachungsstationen neben fundiertem fachlichen und pflegerischen Know-how hohes technisches Verständnis für die medizinischen Hightech-Geräte. Und man fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen Ärzten, Patienten und deren Angehörigen. Gerade sozial-kommunikativen Kompetenzen kommt im Hinblick auf die Betreuung der Angehörigen in der Belastungssituation ein besonderer Stellenwert zu."

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Nach der Ausbildung arbeitet man drei Monate im Doppelpack „und letztendlich braucht es ein bis zwei Jahre, bis man sich in Notfällen — wenn das Adrenalin und der Stress­pegel steigen — wirklich allein alles zutraut". Ob man letztendlich langfristig der psychischen Belastung gewachsen ist, „ist für jeden ganz unterschiedlich", sagt Kapferer, der sich in der Natur und mit der Familie den notwendigen Ausgleich schafft. Dass er seinen Job dennoch liebt, „hat sicher damit zu tun, dass ich gern eine verantwortungsvolle Aufgabe habe und ich sehr selbstständig arbeiten kann".

Zudem gebe es im Team viel Rückhalt. „Wir haben einen sehr guten Teamgeist und sind uns gegenseitig eine Stütze." Kommt man dennoch einmal an seine Grenzen, „gibt es eine Hotline und die Möglichkeit der Supervision", so Kapferer, dem sehr wohl auch Fälle nahegehen. „Es sind besonders die jüngeren Patienten mit schweren Covid-Verläufen und ohne Vorerkrankungen. Es ist nämlich nicht so, dass nur die Älteren hier betroffen sind." Ein Grund mehr, die wichtigen Corona-Maßnahmen einzuhalten.

Angst vor einem Kollaps

Der massive Anstieg von Hospitalisierungen sorgt beim Klinikpersonal für Alarmstimmung. Die Angst vor einer möglichen „Triage“ ist groß: „Uns wurde bereits mitgeteilt, dass wir uns auf ein Triage-System einstellen sollen. Wir werden mit Stufenplänen darauf vorbereitet. Keiner von uns will so eine Situation in ein oder zwei Wochen haben. Gleichzeitig wächst die Angst, dass im Pflegeteam selbst Leute durch Covid-19 ausfallen“, sagt eine Intensiv-Diplomkrankenschwester dazu (Name der Red. bekannt). Es sei schwierig, auf die Schnelle Personal zu rekrutieren, weil es zu wenige mit dieser Ausbildung gebe. (lipi)


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