Vielstimmig stimmig: Elvis Costellos Album „Hey Clockface“

Mit seiner jüngsten Platte „Hey Clockface“ versöhnt Elvis Costello den gegenwärtigen Trend zur Playlist mit der aus der Zeit gefallenen Kunstform des Konzeptalbums – und feiert das Radio.

Elvis Costello, inzwischen 66 Jahre alt, legt mit „Hey Clockface“ sein 31. Studioalbum vor.
© imago stock&people

Innsbruck – Auf dem Papier dürfte das, was Elvis Costello mit seinem insgesamt 31. Studioalbum „Hey Clockface“ vorlegt, nicht funktionieren. Vielmehr darf man zunächst vermuten, einem Versuch der Resteverwertung beizuwohnen. Bei einem durchaus anregenden Streifzug durch das, was in gut vier Jahrzehnten Musikkarriere liegen geblieben ist. Denn auf „Hey Clockface“ findet sich für fast jede Etappe des Punk-Rock-Pop-Chanson-Chamäleons Costello ein Beispiel: vom auf Krawall gebürsteten Wut-Sänger der 70er-Jahre über den prunkvollen Populär-Eklektiker zum melodienseligen Meister filigraner Balladen der vergangenen Jahre. „Hey Clockface“ ist der selbstbewusste Leistungsnachweis eines musikalischen Beinahe-Alleskönners – und noch ein bisschen mehr.

Denn die 14 bisweilen offensiv unterschiedlichen Songs – vom von sphärischen Flöten angekündigten Spokenword-Opener „Revolution #49“ über die titelgebende Dixieland-Nummer „Hey Clockface“ bis zur lustvoll dazwischengeklemmten Beatbox-Extravaganza „Hetty O’Hara Confidential“ – fügen sich fast schon rätselhaft zu einem in seiner Vielstimmigkeit durchwegs stimmigen Album zusammen. Obwohl oder gerade weil es beim ersten Durchhören an die algorithmisch generierte Playlist einschlägiger Streaming­dienste wirkte, feiert Elvis Costello mit „Hey Clockface“ das genaue Gegenteil. Das Konzept dieses so störrisch-schwelgerischen Konzeptalbums ist es, daran zu erinnern, wo sich gut ein Jahrhundert lang dank kundiger Kuratorinnen und Kuratoren immer neue musikalische Ereignishorizonte eröffnen konnten: im Radio.

Dort waren schwungvoller Charleston, elektrifizierte Gitarren, Kunstlied und anderweitig Schmalzgetränktes aus dem großen Gefühlsmixer schon seit jeher nur einige Megahertz voneinander entfernt. Nicht von ungefähr hat Costello eine Nummer mit „Radio is Everything“ überschrieben. Es geht darin um die doppelte Natur der Empfangsgeräte: Sie holen das Draußen herein – und machen mit den Möglichkeiten vertraut, das auszudrücken, was in einem arbeitet und unbedingt hinauswill. (jole)

Rock Elvis Costello: Hey Clockface. Concord Records/Universal.

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