Die Welt als Flagge: Kosmologie ohne Zwischentöne

Absolute Stringenz: Matt Mullican ordnet analoge und digitale Welten in ein Zeichensystem. Zu sehen bei Widauer und im öffentlichen Raum.

Die Welt als Flagge: Seit den Siebzigern arbeitet Matt Mullican mit einem präzisen System aus Piktogrammen und Sprache.
© Schramek

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Rot. Schwarz. Weiß. Gelb. Blau. Grün. Zwischentöne gibt es in der Arbeit von Matt Mullican nicht. In klaren Symbolen und Farben versinnbildlicht er den Prozess der Wahrnehmung. Seit Mitte der siebziger Jahre verwendet der US-amerikanische Künstler dafür ein ganz bestimmtes Sprach- und Zeichensystem, um das, was ihn umgibt, zu katalogisieren, zu erfassen.

In der Innsbrucker Erlerstraße haben vier seiner Welterklärungsversuche jetzt in Form von Bannern auch Eingang in den öffentlichen Raum gefunden. Die Piktogramme bilden Grundsätzliches ab: das Subjekt, das Objekt, die Welt, die Elemente. Für Mullican sind Flaggen die am schnellsten zu verarbeitenden Bilder, erklärt er im Gespräch. Sie erwecken auf den ersten Blick ganz bestimmte Assoziationen. Wer unter den Stoffbahnen hindurchschlendert, sollte die Verbindung in den Innenraum nicht übersehen. Die in der Erlerstraße gelegene Galerie Widauer richtet dem 69-Jährigen aktuell eine Einzelausstellung aus.

„Darunter liegt die Form eines Mandala“

In der Ausstellung sind ebenjene Banner nochmals in verkleinerter Form zu finden. Ebenso wie eine wandfüllende Monumentalarbeit, in der Mullican seine Kosmologie in konzentrischen Kreisen wiedergibt, die die rot gefärbte, subjektive Wahrnehmung einfassen. Ähnlich angeordnet sind auch die Glasarbeiten des Künstlers, die er weitab der auffälligen Schaufensterflächen positioniert. Für den Künstler stellen sie individuelle Ausformungen eines Kirchenfensters dar, die ebenso auf kultische Symbole referieren könnten. „Darunter liegt die Form eines Mandala“, erklärt Mullican. Und verweist damit zugleich auch auf seine Herkunft: Seine venezolanische Mutter Luchita Hurtado wurde gerade in den letzten Jahren vor ihrem Ableben als Künstlerin quasi wiederentdeckt.

Auch Mullicans Vater war Künstler, stilprägend war für den Sohn aber vor allem die Kunstklasse des großen, erst Anfang des Jahres verstorbenen John Baldessari. Heute wird Mullican zur „Pictures Generation“ gezählt, die in ihrem Gebrauch von Medien und Bildern die Moderne weitgehend als überwunden erklärt.

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In Innsbruck wurde der Entwurf zur Form

Auch wenn Mullican in seiner Formensprache stets auf wiederkehrende Elemente zurückgreift, scheinen die Ausdrucksformen schier unendlich: Von Frottagen über textile Werke arbeitet der Künstler auch performativ und experimentiert mit Hypnose. Als Neuproduktion präsentiert Mullican in Innsbruck ein skulpturales Objekt, das schon Anfang der Neunziger im Rahmen seiner Beschäftigung mit dem digitalen Raum und virtueller Realität entstanden ist – zumindest als Idee. In Innsbruck wurde der Entwurf zur Form: Statt aus einem Zentrum heraus wächst die Skulptur stringent Ebene für Ebene in die Höhe: grün, blau, gelb, schwarz, rot.

Mullican arbeitet minimalistisch, er produziert deshalb aber keine Minimal Art: Er verschließe sich schließlich nicht gegenüber dem Inhalt, erklärt der US-Künstler. Wagt man den Sprung in seinen Kosmos, wird auch der Besucher mit Inhalt förmlich überschüttet – besonders wenn Mullican selbst über seine Kunst spricht. Widauer ist aktuell mit Mullican eine eigentlich museale Ausstellung gelungen – gerade in einer Zeit, in der Galerien (Corona-bedingt) als letzte Kunstbastionen übrigbleiben, ein wichtiges Zeichen.


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