Herausforderer Biden auf Kurs ins Weiße Haus

Im Rennen um das Weiße Haus wird ein Wahlsieg des Herausforderers Joe Biden immer wahrscheinlicher: In den Bundesstaaten Pennsylvania und Nevada konnte der Demokrat bei der Auszählung der Wahlzettel Freitagfrüh seinen knappen Vorsprung ausbauen. In Nevada liegt er 20.000 Stimmen vor Präsident Donald Trump, in Pennsylvania betrug der Abstand knapp 9.000 Stimmen. Die Auszählungen sind jeweils fast vorbei. Trump sprach erneut von Wahlbetrug durch „illegale Stimmen“.

Nach dem Wahltag am Dienstag war Trump in Pennsylvania zunächst weit vor Biden gelegen. In den folgenden Tagen holte Biden aber immer mehr auf, weil zunehmend Briefwahlstimmen demokratischer Wähler ausgezählt wurden. Sollte Biden den Bundesstaat mit seinen 20 Wahlleuten tatsächlich gewinnen, wäre er auch Gesamtsieger der Präsidentschaftswahl.

In Georgia werden die Stimmen indes neu ausgezählt. „Mit so einer geringen Differenz wird es in Georgia eine Neuauszählung geben“, sagte Wahlleiter Brad Raffensperger am Freitag in Georgias Hauptstadt Atlanta. Zuletzt lag Biden mit hauchdünner Mehrheit vor Trump - laut US-Medien nur mit rund 1.500 Stimmen Vorsprung. „Das Endergebnis in Georgia wird nach jetzigem Stand gewaltige Auswirkungen auf das gesamte Land haben“, sagte Raffensperger. Überall würden die „Emotionen“ hochschlagen. Das werde die Wahlbehörden aber nicht von ihrer Arbeit abhalten.

In beiden Fällen bedeutet Bidens Führung aber nicht automatisch, dass der 77-Jährige die US-Staaten auch letztlich gewinnen wird. Die Auszählung der Stimmen dauerte am Freitag weiter an. Biden kommt nach jetzigem Stand auf mindestens 253 der 270 Wahlleute, die er für einen Sieg braucht. Trump hat derzeit je nach Medium 213 oder 214 Wahlleute sicher.

Auch in den Schlüsselstaaten Arizona und Nevada stand das Ergebnis noch aus, allerdings lag auch dort Biden vorne. Trumps Wahlkampfteam warnte davor, den Demokraten bereits jetzt zum Wahlsieger auszurufen - was bisher kein großer US-Sender getan hat. „Diese Wahl ist nicht vorbei“, erklärte Wahlkampf-Anwalt Matt Morgan am Freitag.

Trump erhob am Freitag erneut den Vorwurf, die Demokraten wollten ihm den Wahlsieg „stehlen“. „Wenn man die legalen Stimmen zählt, gewinne ich mit Leichtigkeit. Wenn man die illegalen Stimmen zählt, können sie versuchen, uns die Wahl zu stehlen“, sagte der Präsident. Er bezog sich damit vor allem auf die vielerorts noch laufende Auszählung von Briefwahlstimmen.

Bei seinem Auftritt im Presseraum des Weißen Hauses legte Trump keinerlei Belege für seine Betrugsvorwürfe vor. Mehrere Fernsehsender unterbrachen die Live-Übertragung nach kurzer Zeit.

Trumps Team hat angesichts der Entwicklung in mehreren Staaten Klage gegen die Auszählung eingereicht. Der Präsident hatte sich bereits in der Wahlnacht zum Sieger erklärt und juristische Schritte angekündigt, was auch international als Angriff auf den demokratischen Wahlprozess gewertet wurde.

Trumps ältester Sohn heizte die Stimmung zusätzlich an und forderte einen „totalen Krieg“ gegen den angeblichen Wahlbetrug. Es sei an der Zeit, „aufzuräumen und nicht mehr auszusehen wie eine Bananenrepublik“, schrieb Donald Trump Junior auf Twitter. Der Onlinedienst versah die Kurzbotschaft mit einem Warnhinweis, dass der Inhalt „umstritten und möglicherweise irreführend“ sei.

Zwar stellten sich prominente Republikaner wie Lindsey Graham hinter Trump, es gab aber auch Kritik am Vorgehen des Präsidenten. Der Abgeordnete Will Hurd nannte Trumps Aufruf zu einem Stopp der Stimmenauszählung „gefährlich und falsch“.

Biden rief seinerseits zur „Ruhe“ auf. Er habe „keine Zweifel“, dass er nach Auszählung aller Stimmen die Wahl gewinnen werde, sagte er. Nach Trumps Äußerungen schrieb Biden auf Twitter: „Niemand wird uns unsere Demokratie wegnehmen.“ Einem Bericht der „Washington Post“ zufolge plante der Secret Service eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen für den 77-Jährigen.

Vor mehreren Wahlzentren in den USA versammelten sich aufgebrachte Trump-Anhänger. In Phoenix in Arizona führte der rechtsextreme Verschwörungstheoretiker Alex Jones eine schwer bewaffnete Gruppe an. In Las Vegas forderten Trump-Unterstützer, dass sie die Wahlzettel sehen wollten. Und in Pennsylvania wurden vor einem Wahlzentrum zwei bewaffnete Männer festgenommen.


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