Biden baut Führung aus - Trump zeigt erste Zweifel

Im Rennen um das Weiße Haus zeichnet sich immer deutlicher ein Wahlsieg des Demokraten Joe Biden ab: Im Schlüsselstaat Pennsylvania lag der Herausforderer bei der Auszählung der Wahlzettel am Freitag 17.000 Stimmen vor Amtsinhaber Donald Trump. Auch in Georgia, Arizona und Nevada liegt Biden aktuell in Führung. Wann ein endgültiges Ergebnis feststehen wird, ist noch unklar. Trump zeigte indes erste öffentliche Zweifel an seiner Wiederwahl.

Der Amtsinhaber beklagte am Freitagabend in einem Tweet, dass er in allen umkämpften Staaten eine „große Führung“ gehabt habe, die dann „auf wundersame Weise verschwunden“ sei. „Vielleicht wird diese Führung wieder zurückkommen, wenn wir unsere rechtlichen Verfahren voranbringen“, so Trump. Ebenfalls auf Twitter hatte Trump seinen Kontrahenten aufgerufen, sich nicht zum Sieger zu erklären. Noch am Donnerstagabend hatte er in einem skurrilen Presseauftritt im Weißen Haus erklärt, dass er „locker“ gewänne, „wenn man nur die legalen Stimmen zählt“. Seine Aussagen wurden als pauschale Abwertung aller Briefwahlstimmen gewertet, von denen die Anhänger Bidens massiv gebraucht gemacht hatten.

Rund 100.000 Stimmen standen in Pennsylvania noch aus, allerdings hatte Biden bei den jüngsten Aktualisierungen seine Position konstant verbessern können. Offizielle kündigten außerdem an, dass am späteren Nachmittag mit der Auswertung von bis zu 30.000 abgegebenen Stimmen begonnen werde, bei denen die Daten nachkontrolliert werden müssen. Darunter sind beispielsweise solche von Wählern, die nicht in einem Wahlbüro abgestimmt haben, in dem sie registriert waren, sondern in einem anderen. Damit die Stimmen gezählt werden können, halten Wahlhelfer Rücksprache mit dem ursprünglichen Wahlbüro.

In Georgia setzte sich Biden weiter von Trump ab. Laut einem neuen Zwischenergebnis lag Biden mit 4.263 Stimmen in Führung. Zuvor hatte der Vorsprung nur rund 1.500 Stimmen betragen. Sollte sich dieser Trend bestätigen, würden die Chancen Trumps, durch eine Neuauszählung doch noch den Sieg zu erreichen, dramatisch sinken. Experten wiesen darauf hin, dass bereits 99 Prozent der Stimmen ausgezählt sind und die noch auszuzählenden auf demokratische Hochburgen rund um die Metropole Atlanta entfallen. Dazu kommen noch einige Stimmen von im Ausland stationierten Militärangehörigen.

In Arizona ist Bidens Vorsprung leicht auf 39.000 Stimmen zurückgegangen. Rund 200.000 Stimmen standen noch zur Auszählung an, in welchem Takt neue Ergebnisse verkündet würden, war unklar. Zuletzt hatte Trump nur langsam seinen Rückstand aufgeholt.

In Nevada hatte Biden am Freitag seinen Vorsprung auf 22.000 Stimmen nahezu verdoppelt. Hier gingen Wahlkommentatoren nicht davon aus, dass sich durch noch ausstehende Stimmen etwas an dieser Mehrheit ändern würde, weil diese vor allem aus dem demokratenstarken Las Vegas stammen. Der konservative Sender Fox News gab die Siegeschancen Bidens in dem Staat mit 93 Prozent an.

Nach jetzigem Stand kommt Biden auf mindestens 253 der 270 Wahlleute, die er für einen Sieg braucht. Trump hat derzeit 213 oder 214 Wahlleute sicher.

Trumps Team hat angesichts der Entwicklung in mehreren Staaten Klage gegen die Auszählung eingereicht. Der Präsident hatte sich bereits in der Wahlnacht zum Sieger erklärt und juristische Schritte angekündigt, was auch international als Angriff auf den demokratischen Wahlprozess gewertet wurde. Das Nationale Komitee der Republikaner will Insidern zufolge mindestens 60 Millionen Dollar aufbringen, um die Klagen zu finanzieren.

In Pennsylvania sind die Republikaner erneut vor den Obersten US-Gerichtshof gezogen. Sie riefen den Supreme Court in Washington am Freitag auf, per Eilanordnung eine Zählung von nach dem Wahltag eingegangenen Briefwahlzetteln zu untersagen. Diese Wahlzettel müssten von den anderen abgesondert werden und dürften nicht ausgezählt werden. Pennsylvania hatte wegen der Corona-Pandemie eine Ausweitung der Briefwahl beschlossen. Die Republikaner hatten schon vor der Wahl versucht, diese Fristverlängerung vom Supreme Court verbieten zu lassen.

Trumps ältester Sohn heizte die Stimmung zusätzlich an und forderte einen „totalen Krieg“ gegen den angeblichen Wahlbetrug. Es sei an der Zeit, „aufzuräumen und nicht mehr auszusehen wie eine Bananenrepublik“, schrieb Donald Trump Junior auf Twitter. Der Onlinedienst versah die Kurzbotschaft mit einem Warnhinweis.

Zwar stellten sich prominente Republikaner wie Lindsey Graham hinter Trump, es gab aber auch Kritik am Vorgehen des Präsidenten. Der Abgeordnete Will Hurd nannte Trumps Aufruf zu einem Stopp der Stimmenauszählung „gefährlich und falsch“.

Biden rief seinerseits zur „Ruhe“ auf. Auf Twitter schrieb er: „Niemand wird uns unsere Demokratie wegnehmen.“ Laut der „Washington Post“ plante der Secret Service eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen für den 77-Jährigen. Biden will sich am Freitagabend (Ortszeit) in einer Ansprache an die Nation wenden.

Vor mehreren Wahlzentren in den USA versammelten sich aufgebrachte Trump-Anhänger. In Phoenix in Arizona führte der rechtsextreme Verschwörungstheoretiker Alex Jones eine schwer bewaffnete Gruppe an. In Las Vegas forderten Trump-Unterstützer, die Wahlzettel zu sehen. Und in Pennsylvania wurden vor einem Wahlzentrum zwei bewaffnete Männer festgenommen.


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