Seit einem halben Jahr Pandemie: „Es stellt sich Übermüdung ein“

Die Corona-Krise verstärkt psychische Probleme, führt bis dato aber nicht zu mehr Suiziden. Diese sind in Tirol in den letzten sechs Monaten sogar zurückgegangen. Gleichzeitig suchen vermehrt Menschen Hilfe in psychiatrischen Ambulanzen.

Psychiater warnen davor, dass mit längerer Dauer der Pandemie psychische Probleme steigen.
© Boehm

Von Liane Pircher und Irene Rapp

Innsbruck — Seit mehr als einem halben Jahr verändert die Corona-Pandemie unser Leben. Selbst psychisch stabile Menschen befinden sich im Stress und suchen Hilfe. „Die Zahl der Kontaktaufnahmen ist um 10 Prozent gestiegen", berichtet etwa Astrid Höpperger, Leiterin der Telefonseelsorge der Diözese Innsbruck.

Ihr Team — insgesamt 90 Mitarbeiter — kümmert sich rund um die Uhr um die Nöte und Sorgen der Menschen. Viele der Hilfesuchenden hätten bereits mit unterschiedlichsten Problemen zu kämpfen, „die Pandemie ist nun der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", so die Expertin. Auch Christian Haring, Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention und Primar der Psychiatrie B am Landeskrankenhaus Hall, bestätigt diese Entwicklung. „Die Pandemie macht mit den Menschen etwas", bringt er es auf den Punkt. Im Gegensatz zum ersten Lockdown, als man auch die Psychiatrie gemieden habe, seien jetzt alle Betten auf seiner Station voll.

Die Pandemie ist nun der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Astrid Höpperger
 (Telefonseelsorge)

Die zu behandelnden Beschwerden reichen von Depressionen über Manie bis zu Psychosen. Bislang hätte laut Haring die unsichere und von vielen als bedrohlich erlebte Situation aber nicht — wie z. B. in Italien — zu mehr Suiziden geführt. „Bis dato haben wir keinen Hinweis auf erhöhte Suizidzahlen in Tirol", bestätigt auch Eberhard Deisenhammer, Psychiater und stellv. Klinikdirektor der Psychia­trie Innsbruck.

Zuletzt zeigten die Statistiken der Polizei anhand der Vergleichsmonate im Vorjahr sogar einen Trend nach unten: So gab es in der Zeit von April bis September 2020 45 vollzogene Suizide in Tirol, im Vorjahr waren es 61. Pro Jahr nehmen sich übrigens rund 120 Menschen in Tirol das Leben, zwei Drittel davon sind Männer. Die Dunkelziffer liegt jedoch höher, da z. B. nicht bei jedem Verkehrsunfall der Auslöser genau geklärt werden kann. Eine Statistik über Suizidversuche wird nicht geführt, Schätzungen zufolge dürfte in Österreich die Zahl aber zwischen 12.000 und 36.000 pro Jahr ausmachen.

📞💻 Hier gibt es Hilfe

  • Telefonseelsorge: Unter der Nummer 142 ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar. Und: www.onlineberatung-telefonseelsorge.at
  • Krisentelefon: Das Krisentelefon des Landes: 0800/400120 (von Mo bis Do zwischen 8 und 20 Uhr, am Freitag zwischen 8 und 16.30 Uhr sowie ab Freitag 16.30 Uhr und Feiertagen rund um die Uhr).
  • Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie bietet die Kinder-Schüler-Eltern-Beratungshotline 0512/561734, Mo bis Fr von 14 bis 16 Uhr.

„Vielleicht ist es uns in den vergangenen Jahren doch gelungen, dieses Thema ein Stück weit zu enttabuisieren", sucht Haring nach möglichen Erklärungen. Menschen würden mehr als früher über ihre Probleme reden und Hilfsangebote in Anspruch nehmen.

Entwarnung will Deisenhammer wie viele andere Psychiater, die sich mit Suizidgefährdeten auseinandersetzen, trotz zuletzt rückläufiger Zahlen allerdings keine geben. Denn: „Man weiß aus Untersuchungen in anderen akuten Krisensituationen, dass die Suizidzahlen vorübergehend zurückgehen können. Wenn die Krise aber länger anhält und die Menschen die Hoffnung verlieren, kann es kippen."

Das habe man etwa bei der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 erleben müssen, wo in den Folgejahren die Suizide in vielen Ländern zugenommen haben. Ähnliche Phänomene gab es nach den Weltkriegen.

Auch Harings Blick in die Zukunft ist nicht sorgenfrei. „Die großen Probleme kommen vermutlich erst noch. Und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Menschen abzufangen, wird eine sehr große Herausforderung. Deswegen gilt es u. a., den ambulanten Bereich mit unterschiedlichsten Hilfsangeboten zu stärken."

Die großen Probleme kommen vermutlich noch. Das abzufangen wird eine Herausforderung.
Christian Haring 
(Psychiater)

Eines der größten Risiken für Suizid sei laut Deisenhammer Hoffnungslosigkeit. Würden die Menschen verstärkt mit Arbeitslosigkeit konfrontiert, könne die psychische Verfassung schnell kippen. „Menschen, die bereits vor der Krise mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten, haben es in der Corona-Krise noch schwerer", sagt er. Ständiges Zuhausesein fördere einen Alltag ohne Struktur, was sich auf die meisten Betroffenen kontraproduktiv auswirke. Zudem mangle es ihnen an Bewegung, ein wichtiges Instrument in der Behandlung von psychisch Erkrankten. Ein großes Problem ortet auch Höpperger — nämlich die Isolation. „Die meisten Betroffenen haben zu normalen Zeiten einen Weg gefunden, damit umzugehen. Aber wenn man jetzt am Abend nicht zum VHS-Kurs, ins Kino oder Café gehen kann, wird die Einsamkeit noch quälender." Aber auch die zeitliche Länge der Pandemie würde belasten. „Im Frühjahr, während des ersten Lockdowns, waren die Leute noch motiviert. Jetzt weiß man, das Ganze wird sich länger hinziehen und deswegen stellt sich Ermüdung ein."

Umso wichtiger sei es, so Deisenhammer, dass sich die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgungslage im Land nicht verschlechtere. Gleichzeitig appelliert er, dass es auch in dieser zweiten Phase viel soziale Kohäsion brauche — also sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft.

„Die meisten Suizide kann man verhindern, wenn den Menschen rechtzeitig Hilfe und eine andere Perspektive angeboten wird", sagt Deisenhammer.

Über seine Probleme mit anderen zu reden, rät auch Höpperger. Entsprechende Anlaufstellen — siehe rechts — gebe es genug. „Das verschafft oft schon eine Entlastung. Denn es geht ja darum, wie kann ich die Enge, die ich verspüre, weiten? Wie kann ich eine neue Perspektive finden, sprich: Gibt es Möglichkeiten, um diese momentane schwierige Lebenssituation zu bewältigen?"

Suizidgedanken können oft abgewehrt werden, wenn es Hilfe von außen gibt.
Eberhard Deisenhammer (Stellv. Klinikdirektor Psychiatrie Innsbruck)

Am Dienstag werden übrigens in einer Pressekonferenz mehrere Forschungsprojekte der Medizinischen Universität Innsbruck vorgestellt, die sich mit den psychischen Folgeschäden der Covid-19-Pandemie beschäftigen.

Mehr Suizide als Tote im Verkehr

Allein im Jahr 2018 starben in Österreich 1209 Personen (950 Männer, 259 Frauen) durch Suizid, fast dreimal so viele wie im Straßenverkehr. Dies geht aus dem jährlich erscheinenden Bericht „Suizid und Suizidprävention in Österreich“ des Sozialministeriums hervor.

Das Suizidrisiko ist in der Altersgruppe von 70 Jahren aufwärts fast doppelt so hoch wie bei Jüngeren. Trotzdem: In Österreich ist Suizid sowohl bei Männern als auch bei Frauen bis zum 50. Lebensjahr eine der häufigsten Todesursachen, in den Altersgruppen 15 bis 29 Jahre sogar die zweithäufigste.

Die Statistiken zur Suizidsterblichkeit basieren auf den Zahlen der Todesursachenstatistik, die von der Statistik Austria geführt wird. (TT)


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