Skeleton-Ass Janine Flock in Lettland: „Das Lernen hört hier nie auf“

Die Rumerin trainiert seit einem Monat in Sigulda (Lettland), wo nächste Woche der Skeleton-Winter beginnt. Janine Flock über Gastfreundschaft, fahrerische Grenzgänge und darüber, warum ihr Tiroler Leitungswasser fehlt.

© gepa pranter

Sie sind nun ziemlich genau seit einem Monat in Sigulda. Wie ist es denn um Ihr Lettisch bestellt?

Flock: Na ja, ein bisserl was habe ich schon drauf. „Sveiki“ bzw. „cau“ heißt „Hallo“, „jauka Diena“ heißt „schönen Tag“ oder „Ka tev iet?“ „wie geht’s dir?“.

Wissen Sie, was „noliktavas drudzis“ bedeutet?

Flock: Keine Ahnung.

Das heißt Lagerkoller.

Flock: Wenn die Frage darauf abzielt, ob ich bereits einen Lagerkoller verspüre, dann nein. Es ist echt erstaunlich, wie schnell dieser Monat vergangen ist. Erstens kommt Routine in den Alltag und zweitens haben wir alle Hände voll zu tun. Bahntraining, Starttraining, Athletiktraining, Physiotherapie, und natürlich braucht der Körper auch seine Regeneration. Erst recht auf dieser Bahn, für mich die schwierigste der Welt. Hier bist du gefordert wie nirgends sonst, auch weil die Wetterverhältnisse sehr speziell sind.

Das heißt?

Flock: Die meiste Zeit ist es regnerisch. Und die Eisbeschaffenheit ändert sich ständig. Das heißt, du musst immer wieder neue Abstimmungen am Schlitten finden, neue Schienen, neue Einstellungen. Das Lernen und Ausprobieren hört nie auf.

Wie seid ihr untergebracht?

Flock: Wir sind quasi in einer Skeleton-WG, wohnen bei Martins Dukurs (lettischer Skeletonstar, Anm.) und seiner Familie. Und sein Bruder Tomas hat das Haus nebenan. Wir essen gemeinsam, kochen gemeinsam, spielen mit den Kindern, spielen Karten oder sonst was – und passen auch einmal auf die Kids auf. Wir fühlen uns da wirklich super aufgenommen.

Beim raschen Internetstudium, was Sigulda an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, stößt man auf eine Burg, ein Schloss, eine Brücke, eine Seilbahn und ansonsten auf zahlreiche Hinweise in Richtung Natur. Ist mir da etwas durch die Lappen gegangen?

Flock: Eigentlich nicht. Bis auf die Bobbahn halt, das ist sicher das Highlight der Region – auch in architektonischer Hinsicht. Man fährt ja quasi aus dem siebten Stock des Starthauses los, die erste Kurve steht – wie man es von Achterbahnen kennt – auf riesigen Stahlstelzen.

Janine Flock und ihren (Trainer-)Freund Matthias Guggenberger.
© flock

Was fehlt Ihnen denn dieser Tage am meisten?

Flock: Natürlich die Familie – und Nala, meine Katze. Aber Papa schickt mir regelmäßig Videos – und Nala ist ohnehin eine, die am liebsten ihre Ruhe hat. Oma und Opa haben wir WhatsApp installiert, so können wir videotelefonieren und uns gegenseitig Fotos schicken. Das funktioniert ganz gut.

Nicht zuletzt Tirol steht im Bann von Corona – wie sieht es in Lettland aus?

Flock: Ziemlich ähnlich. Die Fallzahlen sind nicht so hoch, aber auch kräftig im Steigen begriffen. Auch hier gibt es seit Montag einen Lockdown, ebenfalls in abgespeckter Form: Die Restaurants sind geschlossen, ebenso Fitnesscenter, Wellnessbereiche etc. Die Schulen sind nur bis zur siebenten Klasse geöffnet – also einigermaßen ähnlich wie in Österreich. Aber uns selbst schränkt das so gut wie nicht ein. Bis auf die Maskenpflicht halt.

Der Weltcup beginnt mit zwei Bewerben in Sigulda (20./27. November) und einem Doppel in Innsbruck (11./18. Dezember) – heißt so viel wie viermal Heimvorteil für Janine Flock?

Flock (lacht): Nur bedingt. Da Matthias (Guggenberger, Lebensgefährte, Anm.) ja das lettische Nationalteam betreut, können wir natürlich die Infrastruktur besser nützen. Aber was die Bahn betrifft, waren andere auch hier. Wie die Deutschen natürlich oder die Engländer, die ebenfalls einen Monat da waren.

Wie oft sind Sie im vergangenen Monat runtergefahre­n?

Flock: Ziemlich genau 25-mal.

Wenn es die Zeit erlaubt, gibt es Abstecher in die Natur.
© flock

Das heißt, Sie sind nicht täglich auf der Bahn?

Flock: Nein, weil auch Pausen notwendig sind. Nach zwei Fahrten hier bist du fertig. Da schmerzt der Kopf, da schmerzt der Nacken – und wenn du nicht hundertprozentig bei der Sache bist, kann es gefährlich werden. Denn durch die freiwerdenden g-Kräfte und unsere Bauchlage ist es so, dass der Kopf immer wieder auch aufs Eis knallt.

Welche g-Kräfte wirken da?

Flock: Stellenweise sechs bis sieben g.

Wenn dann der von einem Helm geschützte Kopf aufs Eis knallt, ist es bis zu einer Gehirnerschütterung wohl nicht mehr weit, oder?

Flock: Das kommt leider schon vor. Deshalb sollen nach den Olympischen Spielen 2022 Einheitshelme kommen, die eine spezielle Dämpfung integriert haben und dadurch die Kräfte besser absorbieren. Diesbezügliche Studien sind am Laufen, und es ist überfällig, dass so etwas kommt. Man darf ja auch nicht vergessen, dass wir beispielsweise in Whistler (CAN) einen Topspeed von 145 km/h erreichen.

Abschließend: Abgesehen von Familie und Katze, worauf freuen Sie sich am meisten, wenn sie am Ende nach knapp zwei Monaten Lettland wieder nach Tirol kommen werden?

Flock: Wenn ich nur den Wasserhahn aufzudrehen brauche und aus der „Pip’n“ trinken kann. Das ist wahrer Luxus, den man immer dann besonders schätzt, wenn man ihn nicht hat. Und auf ein Vollkornbrot freue ich mich.

Das Gespräch führte Max Ischia


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