Von Dakar nach Libertà: Romanverfilmung mit Sophia Loren

Sophia Loren kehrt für die Romanverfilmung „La vita davanti a sé - Du hast das Leben vor dir“ ihres Sohnes vor die Kamera zurück.

© Netflix

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Die Nummern-Tätowierung auf Rosas Arm lässt keinen Zweifel, was die ältere Dame vor vielen Jahrzehnten erlebte und überlebte. Der 12-jährige Momo weiß jedoch nicht, was sie bedeutet. Er ist mit sechs aus Diourbel nahe Dakar ins Libertà-Viertel von Bari gekommen und landet nun auf Umwegen bei der ehemaligen Prostituierten Rosa, die auf die Kinder jüngerer Kolleginnen aufpasst. Doch die Beziehung der beiden ist zunächst getrübt, hat Momo Rosa doch zuvor am Straßenmarkt ausgeraubt. Trotzdem lässt sie sich breitschlagen, ihn in ihre Obhut zu nehmen. Natürlich entwickelt sich daraus die herausfordernd-zärtliche Ersatz-­Elternschaft, die die Prämisse des Films verspricht.

Diese Geschichte basiert auf dem Roman „La Vie devant soi – Du hast das Leben noch vor dir“ von Romain Gary, 1975 mit dem französischen Prix Goncourt ausgezeichnet. Nach einer ersten Adaption, die 1978 den Auslands-Oscar bekam, verfilmt sie nun der italienische Regisseur Edoardo Ponti.

In der Hauptrolle besetzt er seine Mutter Sophi­a Loren, die dafür nach elf Jahren noch einmal vor die Kamera zurückkehrt. Die 86-jährige Grande Dame des italienischen Kinos hat hier eine wunderbar-reduzierte Altersrolle, die sie mit viel unprätentiösem Glanz ausfüllt. Auch wenn der Sohn seiner Mutter zuweilen etwas zu verehrungsvolle Leinwand-Momente schenkt, funktioniert das Zusammenspiel mit dem jungen Ibrahima Gueye als Momo wunderbar.

📽️ Video | "La vita davanti a sé" Trailer

„Ich krieche dem Glück sicher nicht in den Arsch“

Ponti ist sich der sentimentalen Essenz des Melodramas bewusst und steht zu diesem Pathos, wenn etwa ein animierter Löwe als Traumvision Momos erscheint oder im Abspann die typische italienische Ballade „Io sì“ von Laura Pausini erklingt. Er bettet sie aber auch ohne allzu große Gesten in die glaubwürdige Härte der Umstände ein. Momo ist trotzig und mit 12 schon verhärtet. „Ich krieche dem Glück sicher nicht in den Arsch“, meint er im zynischen Voiceover. „Wenn es kommt, gut. Wenn nicht, wen kümmert’s?“

„La vita davanti a sé“ will kein Holocaust- oder Flüchtlings-Film mit großen Thesen sein. Es ist auch kein riskanter Kinder-Twist auf die Geschichte wie „Jojo Rabbit“ oder „Das Leben ist schön“. Die Nebenfiguren – allesamt arme Außenseiter von der Transgender-Nachbarin über den Gangsterboss bis zum muslimischen Teppichhändler – sind glaubhaft. Rosas eigene Geschichte geht dem bitteren Ende zu, mit Demenz-Flashbacks, die ihre eigene Holocaust-Kindheit andeuten, ohne ihr viel Platz in der Gegenwart zu geben. Nur einmal spricht sie kurz davon, mehr zu sich selbst als zu Momo. „In Auschwitz versteckte ich mich unter den Baracken. Ich war in deinem Alter.“ – „Auschwitz?“ – „Dieser Name sagt dir nichts. Besser so“, meint Rosa.


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