Jean-Luc Godard wird 90: Kino als Form des Denkens

Anfang Dezember wird Jean-Luc Godard 90 Jahre alt. In seinem neuen Buch beschreibt Filmkritiker Bert Rebhandl Leben und Werk der Regielegende als Versuche permanenter Revolution.

Dunkle Augengläser, Glimmstängel und Kamera: Jean-Luc Godard im Mai 1968 auf den Straßen von Paris.
© imago stock&people

Innsbruck – Prestige-TV gab es schon lange bevor Bezahlsender und Streamingdienste Millionensummen in Stoffentwicklung und Starpower steckten. Ende der 1980er-Jahre plante die Fernsehproduzentin Nicole Ruellé eine TV-Reihe zum Thema Einsamkeit. Und wollte unter anderem Stanley Kubrick, Ingmar Bergman und Jean-Luc Godard zur Mitarbeit bewegen.

Realisiert wurde letztlich nur Godards Beitrag. Und auch der geriet anders als geplant. Nicht etwa weil es nach Godard „im Fernsehen keine Filme gibt, sondern nur Reproduktionen von Filmen“, sondern weil Godards Absicht von der Geschichte überholt wurde. Dem Regisseur schwebte ein Film über die Einsamkeit einer Nation am Beispiel der DDR vor. Vor dem Drehstart fiel die Mauer. „Deutschland Neu(n) Null“ (1991) ist in mehrfacher Hinsicht ein exemplarischer Godard-Film. Obwohl das Werk des Regisseurs sich seit gut 60 Jahren gegen die Verdichtung auf vermeintlich Exemplarisches sträubt. Das mag paradox klingen. Aber auch das Paradoxe gehört bei Jean-Luc Godard dazu. Er bleibt sich nicht nur im Wandel treu, sondern auch darin, dass er im Grunde immer dasselbe macht.

„Deutschland Neu(n) Null“ ist geschichtsphilosophischer Gegenwartsessay, halb Dokumentar-, halb Spielfilm. Ein Deutschlandfilm wie Rosselinis „Deutschland im Jahre Null“ (1947) und ein Spiel mit der eigenen Historie. Wie schon in Godards „Alphaville“ (1965) spielt Eddie Constantine den Agenten Lemmy Caution. Schichten über Schichten also, Bedeutungen, die sich überlagern und die doch durchscheinen. Wie immer, wenn Godard Kino macht. Kino, das ist für Godard eine Form des Denkens. Denken in Bildern und Tönen, assoziativ, sprunghaft, provokant, manchmal plump, gelegentlich gefährlich – bisweilen falsch.

Der österreichische Filmkritiker Bert Rebhandl – fraglos einer der kundigsten Vertreter der Zunft – beschreibt diese Denkbewegungen in seinem neuen Buch „Der permanente Revolutionär“. Es erscheint zum richtigen Zeitpunkt. Godard wird am 3. Dezember 90 Jahre alt. Eine deutschsprachige Gesamtdarstellung seines Werks fehlt seit Langem.

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Vom jungen Filkritiker bis hin zum Kinoarchäologen

Rebhandl erzählt anschaulich – und durchwegs nah an den Filmen, am filmischen Material. Er zeichnet Godards Laufbahn nach: vom jungen Filmkritiker über den praktizierenden Theoretiker zum Kinoarchäologen.

Godards frühe Filme – „Außer Atem“ (1959), „Die Verachtung“ (1963), „Außenseiterbande“ (1964) und andere – zählen zu den Schlüsselwerken der französischen Nouvelle Vague. Sie gelten bis heute als Paradebeispiel für den spielerischen Umgang mit Erzählkonventionen und der kinematografischen Grammatik. Kurzum: Sie stehen für modernes Kino und machten ihren Regisseur weltberühmt.

Mit „Weekend“ erklärte Godard dieses Kino für beendet: „fin de cinéma“. Fortan dreht er „unsichtbare Filme“. In zweifacher Hinsicht: Der Autorenfilmer verschwindet, taucht in einem Kollektiv unter. Und die Filme, die so entstehen – antikapitalistische Befreiungsversuche, filmische Angriffe auf Verhältnisse und Hierarchien –, werden kaum gesehen. Trotz Stars wie Gian Maria Volonté in „Ostwind“ (1969) oder Jane Fonda in „Alles in Butter“ (1972).

Abenteuerliche Kooperationen

Erst 1980 kehrt Godard mit „Rette sich, wer kann (das Leben“ zum Spielfilm zurück. Vorübergehend. Er stürzt sich in abenteuerliche Kooperationen: Sein Shakespeare-Projekt „Lear“ (1987) etwa, in dem Autor Norman Mailer, Theatermacher Peter Sellars und Teenie-Idol Molly Ringwald mitspielen, wurde von der Actionkracher-Klitsche Cannon finanziert. Der Film beginnt mit der telefonischen Aufforderung des Finanziers, endlich anzufangen. Schließlich gebe es bereits einen Starttermin.

Das Problematische in Jean-Luc Godards Filmen und öffentlichen Einlassungen blendet Bert Rebhandl nicht aus, sondern ordnet es sachlich ein. Godard war schon immer Gegenstand cinematografischer Glaubenskriege. Rebhandl stellt dar, ohne Partei zu ergreifen. Nicht alles lässt sich auflösen. Nicht alles erklären. Und verstehen schon gar nicht. Jedenfalls nicht, wenn man den Logiken der Sprache folgt. Das ist – wenn man so will – Jean-Luc Godards großes revolutionäres Projekt: die Befreiung des Denkens von der Sprache. Die Bilder wissen immer mehr. Das ist das Aufregende am Kino. Und das, was aufregt. Bert Rebhandl gelingt das Kunststück, Godards Denken in Bildern und Tönen zurück in die Sprache zu holen. Lesend kommt man dem so unnahbaren Kinoschamanen gespenstisch nahe. (jole)

Sachbuch Bert Rebhandl: Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär. Zsolnay, 270 S., 25,70 Euro.


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