Online-Geschäft ist für die Buchbranche ein Rettungsanker

Die Buchbranche muss in der mit Abstand umsatzstärksten Zeit die Läden schließen. Der Kundenkontakt verlagert sich nun in die Web-Shops. Die Händler zählen auf die Solidarität der Bevölkerung.

Bücher werden nun wieder per Telefon oder Internet bestellt und zumeist gratis ausgeliefert.
© imago images/Le Pictorium

Von Markus Schramek

Innsbruck, Hall, Kufstein – In der Buchbranche läuft Mitte November schon längst das Weihnachtsgeschäft. 30 bis 40 Prozent des gesamten Jahresumsatzes erzielt der Handel mit Printprodukten in Buchform in den eineinhalb Monaten vor dem großen Fest. Und jetzt das: Lockdown, die zweite. Ab heute sind sämtliche Läden geschlossen, bis inklusive 6. Dezember. Angesichts dieser Vollbremsung scheint die Frage nach dem Befinden der Händler eine rhetorische zu sein. Doch die Reaktionen der Betroffenen sind eher kämpferisch denn verzagt. Motto: Der erste Lockdown wurde mit vereinten Kräften bewältigt. Warum nicht auch ein zweites Mal?

Branchenriesen wie die Tyrolia (28 Millionen Euro Jahresumsatz, 200 Mitarbeiter, 18 Filialen) und kleinere Mitbewerber wie das Buch-Café im Kufsteiner Lippott-Haus (600.000 Euro Umsatz, sechs Mitarbeiter) teilen in diesen unsicheren Tagen eine – durchaus berechtigte – Hoffnung: Die heimische Bevölkerung möge ihren vor Weihnachten stets besonders großen Durst nach Literatur und sonstigem Lesestoff vorwiegend bei lokalen Anbietern stillen. Die Türen sind für die (Lauf-)Kundschaft zwar zu. Doch Web-Shops, E-Mail-Kontakte und das gute alte Telefon ermöglichen es praktisch zu jeder Zeit, Bücher bei den hiesigen Händlern zu ordern.

Solidarität der Kunden war im ersten Lockdown groß

„Wir durften schon nach dem ersten Lockdown viel Solidarität von unseren Kunden erfahren“, erzählt Markus Mayr, Geschäftsführer des Buch-Cafés in Kufstein. Ähnliches weiß auch die Kollegenschaft zu berichten. „Unsere Kunden haben ganz bewusst die lokale Wirtschaft unterstützt, darauf hoffen wir natürlich auch jetzt“, sagt Sonja Bruch von der Buchhandlung Riepenhausen (Filialen in Hall und Schwaz, zusammen 1,2 Mio. Euro Jahresumsatz). Offen gesteht Bruch aber ein, „dass wir wegen des neuerlichen Zusperrens schon etwas verzweifelt sind“. Auf staatliche Hilfe will sie nicht warten. „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner“, lautet ihre Maxime.

Angestachelt durch den omnipotenten und omnipräsenten Online-Handelsgiganten Amazon, war der stationäre Buchhandel gezwungen, seinen Online-Verkauf auf Vordermann zu bringen. „Ein gut funktionierender Web-Auftritt hilft dabei, die Folgen der Corona-Krise zu bewältigen“, ist Markus Hatzer überzeugt. Er praktiziert erfolgreich das Modell Multi-Tasking: Hatzer ist Chef des Haymon Verlags und der gleichnamigen Buchhandlung in Innsbruck, und er ist Mitgesellschafter der Wagner’schen Buchhandlung ein paar Häuser weiter.

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Optimismus auch im Krisen-Modus

Hatzer will auf den mächtigen Online-Mitbewerber US-amerikanischer Provenienz nicht hinhauen, also kein Amazon-Bashing betreiben. Der gebürtige Osttiroler hat sein Argumentarium für den Buchkauf vor Ort auch so gut sortiert: „Wir bezahlen in Österreich Steuern, und wir bilden Lehrlinge aus.“

Bei der schon erwähnten Wagner’schen (5 Millionen Euro Jahresumsatz) sprüht Geschäftsführer Markus Renk auch in merklich eingetrübten Zeiten vor Optimismus: „Wir konnten vor dem Ausbruch der Pandemie zulegen, davon zehren wir jetzt.“

Renk lässt bestellte Bücher innerhalb Innsbrucks binnen drei Stunden per Fahrrad zustellen, das schafft nicht einmal Amazon. Auch die Zustellung per Versand ist gratis, wie bei vielen weiteren Buchhändlern. „Das bedeutet für uns Händler Kosten, doch die Kunden wissen ein solches Service zu schätzen“, betont Renk. Er und Haymon-Chef Hatzer, ob des gemeinsamen Vornamens Markus intern als „M & M“ bekannt, teilen sich die Wagner’sche anteilsmäßig im Verhältnis 51 (Renk) zu 49 Prozent (Hatzer).

Keine Bedrohung für Unternehmen

Bei Tirols mit Abstand größtem Buchhändler Tyrolia sieht man den kommenden Wochen mit gemischten Gefühlen entgegen. Auch hier ruhen viele Hoffnungen auf dem Online-Geschäft. „Die Umsatzeinbußen durch die Schließung der Filialen werden wir durch den Web-Shop aber nicht kompensieren können“, räumt Tyrolia-Vorstand Christoph Schiemer ein. Bedrohlich sei das Corona-Jahr 2020 für sein Unternehmen aber nicht: „Wir werden das wirtschaftlich überstehen.“ Schiemer muss voraussichtlich erneut Mitarbeiter zur Kurzarbeit anmelden.

Für die Buchbranche ist die weitere politische Entwicklung mitentscheidend. Der Handel soll von der Bundesregierung je nach Sparte 20 bis 60 Prozent des entgangenen Umsatzes ersetzt bekommen. Das ist deutlich weniger als jene 80 Prozent Umsatz-Ersatz, mit der Hotellerie und Gastronomie rechnen können. „M & M“ verfolgen dies mit Argusaugen: „Ich verstehe nicht, warum sich der Handel dermaßen von der Gastronomie unterscheidet“, beschreibt Markus Hatzer sein „Bauchgefühl“. Markus Renk hofft, dass sich die Ungleichbehandlung in Grenzen hält: „20 Prozent decken nicht einmal unsere Fixkosten.“


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