Establishment, Oida: Ein mitunter frustrierenden Kunstalltag

In „Rechtsstaat, Oida“, ihrer ersten Einzelausstellung in der Innsbrucker Galerie Kugler, wettert Künstlerin Elke Silvia Krystufek gegen den mitunter frustrierenden Kunstalltag.

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Elke Silvia Krystufek
(Künstlerin): „Ich bin kein Teil der Arbeit, sondern Staatsbürgerin. Und als solche auch unterwegs.“
© Kugler

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Zur Begrüßung gibt es einen Tritt ins Gesicht. So wird das Publikum von ihrer Malerei empfangen, nicht von der Künstlerin selbst. Elke Silvia Krystufek tritt beim Rundgang durch ihre erste Einzelausstellung in der Innsbrucker Galerie Kugler wenig nahbar, weil in Vollverschleierung mit Niqab und verspiegelter Brille, auf – ihre Reaktion auf das derzeit aktive Gebot zur Verschleierung, sprich die verpflichtende Verwendung des Mund-Nasen-Schutzes. Nicht nur ihr Auftreten, auch der Ausstellungstitel „Rechtsstaat, Oida“ verrät unmissverständlich: Hier wird angeklagt. Ihre Werke sind den Lockdown über online einsehbar.

„Features“ (Ausschnitt) von 2019 ist ein Schlüsselwerk der Schau bei Kugler, die bis Jänner läuft.
© Kugler

Krystufek ist für ihre spektakulären Auftritte auch in Performances bekannt. 2009 repräsentierte sie den österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, zusammen mit der Wienerin Dorit Margreiter und dem Tiroler Lois Weinberger. Bekannt ist Krystufek ebenso für den politischen Impetus ihrer Arbeiten. Ein Schlüsselwerk ihrer Schau ist das eingangs erwähnte „Features“, ein großformatiges Acryl, in dem eine Figur mit ­Werwolf-Maske und Polizeikappe zum Tritt ausholt.

Nicht nur das Visavis bekommt sein Fett weg, auch das Kunstsystem. Im Hintergrund, in Krystufeks Bildern oftmals Schreibfläche, erscheint Gottfried Benn: „Siehst du auf Bildern in den Galerien“, heißt es in englischer Sprache, „verkrümmte Rücken, graue Mäuler, Falten anstößiger, gedunsener Alter, die schon wie Leichen durch die Dinge ziehn.“

📽️ Video | Ausstellung von Elke Silvia Krystufek

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Bewusst Anklage erhebt Krystufek gegen den oftmals frustrierenden Kunstalltag. „Features“ steht in der Schau auch zentral, weil es die Künstlerin für das Cover einer von ihr kuratierten Ausgabe des Magazins stayinart vorgesehen hatte. Ihr aufmüpfiges Editorial (wie das Cover in der Galerie einsehbar) veranlasste die Herausgeber aber zu einer Art von Zensur, erklärt Krystufek. Ihre Ausgabe wurde gekippt. Sie ortet den Druck von Inserenten als Grund für die Einschränkung. Krystufeks Anklage wird auch zu einer Abrechnung mit dem Establishment.

Keine lobenden Worte findet die 1970 in Wien Geborene also auch für Auktionshäuser, die ihre Werke schon mal mit neuen Titeln versehen. In kleinformatigen Arbeiten, in denen sie mit viel Ironie selbst eine „Künstler“-Liste entwirft, spielt sie mit derartigen Verletzungen; aufgelistet wird dort u. a. ein gewisser „Strache“.

Und auf blauem Grund bleiben Fragezeichen

Der Umweg über die Ironie ist bei Krystufek nur eine Möglichkeit der künstlerischen Verarbeitung. Oftmals schlägt sie auch einen offen aktivistischen ein: Eine Werkgruppe ist dem Tod des kasachischen Ex-Botschafters Rakhat Aliyev gewidmet, der 2015 erhängt in seiner Zelle in der Wiener Justizanstalt aufgefunden wurde. Die Aufarbeitung des Falls wurde laut Krystufek verhindert. Neben dem Acrylbild stellt für sie in Innsbruck auch ein Memorial in Form eines bedruckten Liegestuhls die Frage nach dem Wert eines Menschenlebens in Richtung österreichischer Staat. Und auf blauem Grund bleiben Fragezeichen.

So manches Fragezeichen wird auch der Betrachter in Krystufeks Ausstellung nicht los. Trotz ihrer expressiven, doch realitätsnahen Malweise, zum Erkennen von Verweisen in Bild- und Textform braucht es Hintergrundwissen. Andere Anspielungen, wie ihre kleinformatigen, abstrakten Auseinandersetzungen mit großen Männern – darunter Wagner oder wohl speziell für Tirol auch Weiler –, lassen sich im Hinblick auf ihr feministisches Frühwerk interpretieren. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

In jedem Fall gehen ihre Arbeiten weit über das Künstlerische hinaus. Auch sie selbst als Frau, als Staatsbürgerin ist betroffen. In früheren Porträts verarbeitete sie diese Selbstwahrnehmung noch über ihr eigenes Gesicht. Das ist heute aber verschleiert, sie selbst sei kein Teil der Arbeit mehr. „Ich bin Staatsbürgerin“, sagt Krystufek. „Und als solche auch unterwegs.“ Gerade heutzutage tut sich an dieser Stelle eine spannende Frage auf: Was ist noch kritische Stimme, was schon „besorgter Bürger“?


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