654 Straßen, Wege, Plätze: Erstbegehung von Innsbruck

Gernot Zimmermann hat 654 Straßen, Gassen, Wege und Plätze seiner Stadt erwandert. Corona und eine Krankheit bremsten ihn ein, aber nicht aus. So entstand ein besonderer Führer über Innsbruck.

Stets nur 170 Meter am Stück durchstreifte Zimmermann die Stadt: von Vill über die Bögen (im Bild) zur Haller Straße.
© Zimmermann

Von Alexandra Plank

Innsbruck – Gernot Zimmermann und seine Frau Ilse posieren bereitwillig für ein gemeinsames Foto. Ilse Zimmermann hat das Unternehmen ihres Mannes mit 4000 Fotos dokumentiert. Erst wählen wir das bekannteste Fotomotiv der Landeshauptstadt, die Häuserfassade von Mariahilf. „Erst durch die Erstbegehung ist mir aufgefallen, dass sich auch am Burggraben so schöne bunte Häuser befinden“, sagt der Innsbrucker, der über seine Heimatstadt schon mehrere launige Bücher veröffentlicht hat.

Gernot Zimmermann mit Ilse am Marktplatz.
© Zimmermann

Diesmal nahm er sich vor, die gesamte Landeshauptstadt abzugehen und keine Straße auszulassen. „Ich habe das auch geschafft, nur zweimal musste ich meine Marschrichtung ändern, da die Straße von einer Seite gesperrt war“, erzählt er. Von März bis Juli hat er 320 Kilometer zurückgelegt, unterbrochen von vielen Pausen. „Ich leide an der so genannten Schaufensterkrankheit, einer Durchblutungsstörung, im linken Bein, ich konnte am Stück nur 220 Schritte gehen, das sind etwa 170 Meter.“

Mithilfe seiner Frau Ilse, die mit dem Auto nachfuhr und ihn im Wagen ausruhen ließ, konnte er seinen Traum erfüllen. „Es gab schwierige Passagen, wie etwa die Höll mit 28 Prozent Steigung, die bin ich aber von oben nach unten gegangen.“ Corona hätte sein Vorhaben fast vereitelt, bis er sich das Virus praktisch zum Verbündeten gemacht hat. „Nachdem klar war, dass man sich auch in der Quarantäne immer die Beine vertreten durfte, war es angenehm, durch das nahezu ausgestorbene Innsbruck zu wandern.“

Allen Mitbürgern kann er eine Abenteuerreise in der eigenen Stadt nur empfehlen: „Ich bin in Innsbruck aufgewachsen und kenne es wie meine Westentasche, dennoch habe ich Winkel entdeckt, die mir neu waren.“

Zudem seien ihm Besonderheiten aufgefallen, an denen er Hunderte Male vorbeigegangen sei. „Ich bin draufgekommen, dass man tatsächlich von überall in der Stadt die Berge sehen kann“, sagt der ehemalige Taxler, Journalist und freie Buchautor. Für ihn sei Innsbruck eine der lebens- und liebenswertesten Städte der Welt. „Die Debatte, ob Innsbruck eine Weltstadt oder eher ein zu großes Dorf ist, finde ich lächerlich.“ Innsbruck sei sehr vielfältig, vereine Kultur, Sport und Wissenschaft.

Buchtipp: Gernot Zimmermann, Ich bin dann mal nicht weg, 320 Kilometer durch Innsbruck. Wagner’sche, 340 Seiten, 14,95 Euro.
© zimmermann

Bei den Straßennamen gibt es viele mit persönlichen Anknüpfungspunkten. Wie die Kernstockstraße: „In der Jugend habe ich leidenschaftlich dagegen demonstriert, dass dem Verfasser des Hakenkreuzliedes eine Straße gewidmet wurde“, so Zimmermann. Einmal sei die Tafel verschwunden gewesen, aber schnell ersetzt worden. Nun verweist ein Zusatz auf die NS-Nähe des Dichters.

Doch nicht nur neue Einsichten habe ihm die Tour gebracht, sagt der Autor. Die 400.000 Schritte hätten auch seine Beinbeschwerden verbessert.


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