Terry Gilliam wird 80: „Laut Statistik müsste ich schon tot sein“

Mit der britischen Komikertruppe Monty Python sorgte Terry Gilliam für unzählige Lacher. Mit 80 Jahren lacht er immer noch über so ziemlich alles.

In Rom präsentierte Terry Gilliam seinen Film „The Man Who Killed Don Quixote“.
© Matteo Nardone

London – „12 Monkeys“ ist bis heute nicht nur einer der populärsten Filme von Terry Gilliam. Er wirkt in Zeiten wie diesen auch auf unheimliche Weise aktuell. Denn in dem dystopischen Science-Fiction-Thriller aus dem Jahr 1995 bedroht ein gefährliches Virus in der Zukunft die gesamte Menschheit, die deshalb im Untergrund lebt – quasi in einer Art Lockdown. „Wollen Sie damit sagen, dass es meine Schuld ist?“, scherzt Gilliam im Zoom-Gespräch. „Es lag immer in der Luft, dass eine Pandemie kommen wird, und jetzt ist es schließlich passiert.“

Und so verbringt der Regisseur seinen 80. Geburtstag im Lockdown zuhause in London. „Ich bin alt, aber sonst ist alles gut“, sagt er bestens aufgelegt. „Laut der Statistik müsste ich schon tot sein, jedenfalls was Covid angeht. Aber ich bin nicht tot.“ Seine lebendige Art und sein Lachen lassen den früheren Monty-Python-Komiker deutlich jünger wirken als 80.

Am 22. November 1940 kam Terrence Vance Gilliam in Minneapolis zur Welt. Als Teenager zog er mit seiner Familie nach Los Angeles. Dort hatte er in den 60ern oft Ärger mit der Polizei – wegen seiner langen Haare, meint Gilliam. „Das hieß, dass man ein Drogendealer oder -süchtiger sein musste, der wahrscheinlich vom Geld eines reichen Mädchens lebt.“ Doch der studierte Politikwissenschafter verdiente sein Geld damals mit Werbung, als Comic- und Trickfilmzeichner.

Eine ausgedehnte Rundreise durch Europa war der Beginn seiner tiefen Leidenschaft für den Kontinent. 1967 siedelte er nach London über. „Die einzige Sprache, die ich sprach, war Englisch“, erzählt er schmunzelnd. „Das dachte ich zumindest. Als ich hier ankam, hab ich festgestellt, dass ich Amerikanisch spreche. Das ist was anderes.“

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Sein späterer Monty-Python-Kollege John Cleese, den Gilliam einige Jahre zuvor kennen gelernt hatte, vermittelte ihm einen Job bei der BBC, wo er die zukünftigen Pythons Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin traf. Als die TV-Serie „Monty Python’s Flying Circus“ 1969 debütierte, kreierte Gilliam als Zeichner die ikonischen Animationen, bevor er – nach Graham Chapman – sechstes Mitglied der Truppe wurde.

„Die Ritter der Kokosnuß“ (r.) war 1975 der erste Kinofilm, bei dem Terry Gilliam Regie führte.
© imago

„Es war eine großartige Zeit, weil wir die Kontrolle darüber hatten, was wir machen wollten“, schwärmt Gilliam. „Wir waren sechs Typen, die gemeinsam gearbeitet haben, die ihren Spaß daran hatten, witzig zu sein, interessant, schockierend und manchmal anstößig. Wir haben all das gemacht, was man heute nicht mehr machen soll. Und wir haben uns ständig gestritten. Aber wir waren alle schlau genug, um zu erkennen, dass es gerade wegen der Spannungen in der Gruppe so gut funktioniert hat, weil jeder das Talent der anderen respektiert hat.“

Bei der Produktion von „Monty Python’s Flying Circus“ lernte Gilliam die Kostümdesignerin Maggie Weston kennen, mit der er seit 1973 verheiratet ist. Das Paar hat zwei Töchter und einen Sohn.

Monty Python drehten auch Kinofilme, darunter der Klassiker „Das Leben des Brian“. Die Satire auf religiösen Dogmatismus erzürnte Ende der 70er-Jahre die Kirche. „Ich finde sogar, die Leute müssten das heute machen“, fordert Gilliam, der für überhöhte Empfindlichkeit nichts übrig hat.

Die Monty-Python-Komödie „Die Ritter der Kokosnuß“ war 1975 der erste Kinofilm, bei dem Terry Gilliam Regie führte. Später schuf er als Regisseur und Drehbuchautor Filmklassiker wie „Time Bandits“ (1981), „Brazil“ (1985) und „Angst und Schrecken in Las Vegas“ (1998) – visionäre Filme, die zunächst nicht unbedingt große Kassenschlager waren, heute aber Kultstatus genießen. „Ich habe nie gelernt, wie man Filme macht“, gibt Gilliam zu. „Ich hab vieles vorgetäuscht. Ich lerne immer noch.“

Aus Ablehnung der damaligen US-Regierung von George W. Bush und aus steuerlichen Gründen legte Gilliam 2006 seine US-Staatsbürgerschaft ab und überlegte es sich auch während der zehnjährigen Probezeit nicht anders. „Nicht für eine Minute“ habe er das jemals bereut, sagt er, obwohl es einen Haken gab. „Als die Probezeit 2016 zu Ende ging, wurde ich zu 100 Prozent Brite, für mich hieß das: zu 100 Prozent Europäer. Dann kam der Brexit. Der Witz nimmt kein Ende.“

Seinen bislang letzten Film „The Man Who Killed Don Quixote“ stellte er 2018 fertig. Die Arbeit daran hatte schon 1989 begonnen, der erste Dreh mit Jean Rochefort und Johnny Depp wurde 1998 wegen zahlreicher Probleme aber abgebrochen. 2002 erschien ein Dokumentarfilm über das gescheiterte Projekt, doch Gilliam blieb hartnäckig und drehte den Film mit Jonathan Pryce und Adam Driver: „Wenn ich eine gute Idee habe, bin ich davon besessen.“

In fast allem, was der Regisseur und Komiker sagt, schwingt eine große Portion Humor und Selbstironie mit. „Wenn ich nicht mehr über die wirklich wichtigen Dinge lachen kann, dann könnte ich auch tot sein“, sagt er.

Terry Gilliam will weiter Filme drehen, doch vorerst arbeitet er an einem Buch mit seinen Storyboard-Illustrationen. „Dabei ist mir plötzlich aufgefallen, dass ich ein oder zwei sehr gute Filme gemacht habe“, sagt er lachend. „Es wäre schön, wenn die Leute das später über mich sagen: ,Er hat ein oder zwei sehr gute Filme gemacht.‘“ (dpa)


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