Arbeit im Home Office nur zum Teil selbstbestimmt

Für viele Arbeitnehmer hat sich das mit dem Home Office oft versprochene selbstbestimmte Arbeiten daheim nicht realisiert. Für sie ist etwa die Arbeitszeit selbst nicht klar geregelt, und sie werden auch abseits der vereinbarten Erreichbarkeit regelmäßig kontaktiert. Zum Teil kann auch von ihrem Unternehmen elektronisch kontrolliert werden, wann sie arbeiten, zeigt eine im Juli durchgeführte Erhebung des Instituts für Soziologie an der Uni Wien.

Für die Untersuchung wurden knapp 500 Personen befragt, die ab April 2020 im Home Office arbeiteten. Dabei wurde vielfach eine „unternehmensgesteuerte Entgrenzung der Arbeitszeit“ geortet. 40 Prozent der im Home Office-Arbeitenden wurde etwa von ihren Arbeitgeber nicht klar kommuniziert, wann sie erreichbar sein sollen. Fast die gleiche Anzahl, nämlich 41 Prozent gaben an, dass sie auch außerhalb der vereinbarten Arbeitszeit bzw. üblichen Bürozeiten tatsächlich regelmäßig kontaktiert wurden. Der gleiche Prozentsatz fühlte sich verpflichtet, außerhalb der vereinbarten Arbeitszeit erreichbar zu sein.

Apropos Arbeitszeit: Für eine knappe Mehrheit ist diese zumindest in einem gewissen Ausmaß individuell gestaltbar. Für 53 Prozent war eine Arbeitszeit bzw. Kernarbeitszeit genau festgelegt - 83 Prozent konnten sich aber wenigstens einen Teil selbst flexibel einteilen. „Es kann zum Beispiel sein, dass jemand eine Kernarbeitszeit von 10 bis 15 Uhr hat, aber sich den Rest frei einteilt“, so der Soziologe Jörg Flecker zur APA. Trotzdem besteht die Gefahr einer Entgrenzung der Arbeit, also ein Ausdehnen über klar festgelegte und begrenzte Arbeitszeiten und über klare Zuständigkeiten hinaus. Für 57 Prozent verteilte sich die Arbeit „von früh bis spät“. Damit sei eine klare und verlässliche Trennung zwischen Arbeitszeit und Hausarbeits- und Familienzeit bzw. Freizeit für einen großen Teil der Arbeitnehmer im Home Office nicht gegeben. Keinen signifikanten Unterschied gab es zwischen Führungskräften und untergeordneten Arbeitnehmern.

„Grenzen der Autonomie“ zeigen sich laut Studie auch bei der Kontrolle: Zwar waren 81 Prozent mit Tätigkeiten befasst, bei denen das Arbeitsergebnis zählt und weniger die gearbeitete Zeit. 92 Prozent bestimmten sogar selbst, auf welche Art und Weise sie ihre tägliche Arbeit erledigen. Allerdings kann bei 46 Prozent der Befragten ihre Firma elektronisch prüfen, wann sie arbeiten.

Dementsprechend waren auch bei weitem nicht alle Befragten der Meinung, dass ihnen das Home Office mehr Selbstbestimmung brachte. Zwar stimmten 61 Prozent dieser Aussage zu, für 36 Prozent war dies aber nicht der Fall.

Die Forscher orten aufgrund der Ergebnisse einen Bedarf an Regulierung bezüglich Arbeitszeit, Erreichbarkeit und Kontrolle. „Es braucht klare Vereinbarungen darüber, wann jemand im Home Office erreichbar ist oder nicht. Da sehen wir im Moment eine deutliche Entgrenzung der Arbeit, manche fühlen sich auch verpflichtet, ständig erreichbar zu sein. Mehr Klarheit, was an Erreichbarkeit erwartet wird und was nicht, würde helfen“, meinte Flecker.

Eher wenig Infos bekamen die Arbeitnehmer über die gesunde Gestaltung ihres Arbeitsplatzes: Nur rund ein Drittel gab an, dazu mit Informationen versorgt oder beraten worden zu sein. Häufiger gab es die Möglichkeit, von einem Techniker der Firma bei der Einrichtung des Home Office unterstützt zu werden - immerhin konnte etwas mehr als die Hälfte diese Möglichkeit in Anspruch nehmen. Umgekehrt blieben doch 47 Prozent ohne technische Unterstützung.

Trotzdem fühlten sich die meisten Arbeitnehmer im Home Office von ihren Chefs nicht alleingelassen. 67 Prozent gaben an, dass sich die Vorgesetzten oder andere Stellen im Unternehmen dafür interessierten, wie sie im Home Office zurechtkommen.


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