Neues Album von AnnenMayKantereit: „So wie es war, wird es nie wieder sein“

Lieder zum Lockdown: Mit „12“ liefern „AnnenMayKantereit“ ein musikalisches Zeugnis ab, wie es der jungen Generation mit Corona ergeht.

Mit „12“ melden sich „AnnenMayKantereit“ zurück: Ihr drittes Album entstand im Lockdown und singt auch davon.
© Martin Lamberty

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Es ist nicht mehr fünf vor zwölf. Es hat längst zur vollen Stunde geschlagen. „12“ lautet deshalb auch der Titel des völlig überraschend veröffentlichten Album der Kölner Band AnnenMayKantereit vergangene Woche. Eine Platte, die im Schockzustand entstanden ist, düster und voller Bitterkeit. Ja, AnnenMayKantereit hat ein Akustik-Album über den Lockdown geschrieben. Aber auch über vieles mehr.

Corona-Alben erschienen in den letzten Monaten quasi im Wochentakt, während AC/DC an der Pandemie konsequent vorbeirocken, gab es bei Taylor Swift zuletzt ordentlich viel Selbstbespiegelung. AnnenMayKantereit, die es seit 2011 gibt, gehen einen anderen Weg. Ausflüchte oder gar eine Krise als Chance findet man bei ihnen nicht. Geradeheraus gefühlsbetont liefern sie Zeugnis ab, wie es der jungen Generation mit Corona ergeht.

„Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus“

Und die Millenials, zu denen die Endzwanziger von AnnenMayKantereit gehören, empfinden sich gerade erstmals als Teil einer Ära, in der Geschichte passiert. „I’m tired of being part of a major historical event“ ist nicht umsonst das Corona-Meme der Gegenwart. „Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus“, resümiert Frontman Henning May im neuen Song „Gegenwartsbewältigung“. Für die Millenials – die Wende noch nicht miterlebt, für 9/11 zu jung – schlägt die historische Wucht jetzt ungeahnt heftig zu, davon zeugt auch die Musik der Kölner. Pandemie verwächst mit Flüchtlingskrise, Klimakata­strophe und Terrorangst. Dieser Überforderung muss man sich langsam nähern, im Falle von AnnenMayKantereit als Erzählung in drei Akten: mit düsterem Beginn, einem Aufatmen danach und der süß-bitteren Wahrheit zum Schluss. So soll das Album auch gehört werden, bitten Gitarrist Christopher Annen, Sänger Hennig May und Drummer Severin Kantereit online. Am Stück.

Das geht entgegen jedem Streaming-Trend, der in Singles, weniger in Alben denkt. Für „12“ aber braucht es das Konzept. Als roter Faden dient die dunkle Vorahnung: „So wie es war, wird es nie wieder sein“, die gleich in mehreren Tracks auftaucht.

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Musik, die knackt und knarzt

Weniger abstrakt und auch deshalb irgendwie ergreifend ist „Gegenwart“: „Die Kneipen schließen, die Kinos auch / Und im Schauspielhaus fällt der letzte Vorhang aus / Die Nachrichten rennen dem Algorithmus hinterher / wenn in Moria die Zelte brennen, dann sieht das niemand mehr.“ Passend dazu schlurfen Bass und Gitarre der markanten Stimme von May hinterher. Bis sie sich einpendeln in: „Die Gelder fließen, die Tränen auch, woher die plötzlich kommen, weiß niemand so genau.“

Rosiger wird es beim Aufatmen in „Zukunft“ und darüber hinaus aber nicht: Unsicherheit und Melancholie begleiten die Band beim „Spazieren zwischen Flur und Küche“ oder beim „Treffen mit Freunden in Chatverläufen“ (zu hören in „Spätsommerregen“). Und so richtige Normalität liefert auch die erste Begegnung mit den Liebsten nach Monaten nicht („Aufgeregt“).

Pandemie und Klimakatastrophe werden uns noch weiter beschäftigen. Dazu passend liefern AnnenMayKantereit Musik, die knackt und knarzt, die unperfekt, fragmentarisch, assoziativ und reduziert klingt. „Ich hab’ keine Hoffnung mehr zu verkaufen“, heißt es in „Gegenwartsbewältigung“. Irgendwie ist es auch mutig, zu sagen: Es ist zu spät. Ob Verzweiflung gerade die richtige Antwort auf jene Fragen ist, die sich (nicht nur) Millenials stellen, darf bezweifelt werden. Aber 37 Minuten Schwermut sind okay.


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