Südtiroler Autor Joseph Zoderer wird 85: Meisterstück neu aufgelegt

Joseph Zoderer wird am Mittwoch 85 Jahre alt. Sein bester Roman „Der Schmerz der Gewöhnung“ wurde nun neu aufgelegt. Zum Geburtstag des Südtiroler Autors geht auch die Plattform „Zoderer im Zoom“ online.

Joseph Zoderer, geboren am 25. November 1935 in Meran, verbringt den Corona-Lockdown mit seiner Frau auf seinem Hof bei Terenten.
© Max Lautenschläger

Terenten, Innsbruck – In der Literaturbeilage der italienischen Tageszeitung La Repubblica hat Joseph Zoderer kürzlich ein Gespräch der Autoren Martin Amis und Salman Rushdie gelesen. Amis, 71, und Rushdie, 73, beklagen darin das Schwinden ihrer Schreibkraft. „Ein Kindergartengespräch“, sagt Zoderer. Der vielfach ausgezeichnete Südtiroler Schriftsteller, laut Selbstauskunft ein „deutschsprachiger Autor mit österreichischer kultureller Prägung und italienischem Pass“, wird am Mittwoch 85.

Gleich zwei Romanprojekte, „Romanembryos“, wie er selbst sagt, hatte er bis vor wenigen Wochen in Arbeit. Er hat die handgeschriebenen Entwürfe in Bruneck zurückgelassen. Dort stellt ihm ein Textilunternehmen seit gut einem Jahrzehnt eine Schreibvilla zur Verfügung. Zoderers ­Schreiben braucht diesen Platz, sein Kompositionsverfahren ist raumgreifend. Er hängt die Einzelseiten an die Wand, ordnet neu, ergänzt, verdichtet, streicht. „Es plagt mich nicht, die beiden Manuskripte liegen zu lassen. Aber sie hierher zu bringen, wäre eine Plagerei gewesen“, sagt Zoderer.

„Hierher“, das ist der Weberhof oberhalb von Terenten. 1976 hat Zoderer den historischen Hof gekauft – und ihn gemeinsam mit seiner Frau, der Architektin Sandr­a Morello, restauriert. Schon den Frühjahrs-Lockdown verbrachten sie hier. „Seit Allerheiligen bin ich wieder da, gehe in der Früh und am Abend spazieren, lese und schreibe Gedichte“, sagt er. „Jeden Tag eines. Ich geh’ erst schlafen, wenn ich mindestens eines geschrieben habe. Manche sind in ihrem Ton herausfordernd heiter, einige ironisch, andere melancholisch.“

Gelesen hat Joseph Zoderer zuletzt nicht nur die Wehklagen namhafter Kollegen, sondern auch eines seiner eigenen Werke. Eine Neuauflage seines 2002 erschienenen Romans „Der Schmerz der Gewöhnung“ liegt seit einigen Tagen als fünfter Band der großen Zoderer-Werkausgabe vor. „In meinen Augen ist der Roman mein Hauptwerk“, sagt Zoderer. Es findet sich kein Anlass, seiner Einschätzung zu widersprechen. Sowohl sprachlich-formal wie inhaltlich ist „Der Schmerz der Gewöhnung“ eine beeindruckende und beeindruckend konsequente Komposition. Ein Roman über Verlust, über Entfremdung und das Fremdeln mit allzu eindeutig zur Schau gestellter Eindeutigkeit. Und ein Jahrhundertroman: Vom Faschismus und dessen Nachkriegsnachwirken über die Auf- und Ausbruchsversuche um 1968 bis zum Wiederaufflammen nationalistischen Mordens auf dem Balkan.

Im Zentrum des Romans steht mit Jul ein Mann mittleren Alters – und dessen Fluchtversuch. Von Südtirol nach Agrigento auf Sizilien, in den südlichsten Süden Italiens also, fährt er. Weg vom Ort einer Familien-Katastrophe, raus aus dem Misstrauen einer erkaltenden Liebe hin zum Ort, wo die Liebe und die Katastrophe ihren Ursprung hatten. Einen Ursprung jedenfalls.

Wie in „Die Walsche“, dem Roman, der Zoderer 1982 bekannt machte – und der ihm nach einer Laufbahn als Journalist die Existenz als freier Schriftsteller ermöglichte –, geht es auch in „Der Schmerz der Gewöhnung“ um die Geschichte Südtirols, um einen ethnischen Konflikt (und um das, was er mit dem Einzelnen macht), um Identitätsbehauptungen, die Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören – und den Graus davor.

Doch was sich in der „Walschen“ noch zur beispielhaften Parabel formen ließ, lässt sich nun nicht mehr so leicht fassen. Richtig oder falsch, gut oder böse, drinnen oder draußen, dabei oder außen vor? Mit klarer Parteinahme wird man diesen Fragen nicht gerecht. Zoderer versucht sich nicht in der bebilderten Analyse Südtiroler Zustände. Er erzählt sie. Er gestaltet die Konflikte aus, macht sie anschaulich, erfahrbar, ja, nachfühlbar – ohne sie aufzulösen. Zoderer gaukelt keine einfachen Auswege vor, sondern führt vor, dass jeder Ausweg das Potenzial hat, Irrweg zu werden.

Wie schon die bisherigen Bände der Werkausgabe – eine Kooperation des Haymon Verlags mit dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck – ist auch „Der Schmerz der Gewöhnung“ vorbildlich editiert. Eine vom 2019 verstorbenen Lyriker Peter Hamm verfasste Laudatio auf den „einheimischen Fremden“ Zoderer sucht und findet einen roten Faden durch das Gesamtwerk des Autors. Der Text hat sich als würdigende Einführung in Zoderers Schreiben bereits bewährt. Hamm hielt die Lobrede zweimal. 2003 bei der Vergabe des Hermann-Lenz-Preises und 2010 beim Festakt zum 75. Geburtstag des Autors.

In einem ebenso aufschlussreichen zweiten Nachwort zeichnet die Literaturwissenschafterin Irene Zanol Entstehung und Rezeption des Romans nach. Grundlage des Kommentars ist der Vorlass Zoderers, der seit 2007 im Brenner-Archiv bearbeitet wird.

Zu Joseph Zoderers 85. Geburtstag ist ab Mittwoch auf literaturtirol.at/zoderer die neue Online-Plattform „Zoderer im Zoom“ abrufbar. Diese umfasst eine kommentierte Lebenschronik des Schriftstellers sowie zahlreiche Zusatzinformationen zu dessen Werk. Fürs Frühjahr 2021 ist zudem ein Zoderer-Handbuch mit bislang unveröffentlichtem Vorlass-Material angekündigt. „Josef Zoderer. Werk und Leben“ soll im Studienverlag erscheinen. (jole)

Roman Joseph Zoderer: Der Schmerz der Gewöhnung. Haymon, 384 Seiten, 24,90 Euro.


Kommentieren


Schlagworte