50 Jahre „Tatort": Immer wieder sonntags

Vor einem halben Jahrhundert lief der erste „Tatort“. Gefeiert wird mit einer Doppelfolge.

„Taxi nach Leipzig“: Die erste „Tatort“-Folge lief am 29. November 1970.
© imago stock&people

Innsbruck – Die Welt, heißt es bei Wittgenstein, sei alles, was der Fall ist. Und gelöst wird der Fall, so will es die Tradition, immer wieder sonntags – zumeist zeitgleich in der ARD und auf ORF2. Der „Tatort“ wird dieser Tage 50 Jahre alt. Am 29. November 1970 bestieg der von Walter Richter gespielte Hamburger Kommissar Trimmel das titelgebende „Taxi nach Leipzig“. Mehr als 1100 „Tatort“-Fernsehkrimis folgten.

An den Vorgaben von Serienerfinder Gunther Witte, er starb 2018, hat sich seither wenig geändert: „Das Erste ist einfach: Regionalität. Das Zweite ist, dass der Kommissar die Hauptrolle spielt. Und das Dritte, dass der ‚Tatort‘ die Geschichte der Bundesrepublik spiegeln muss.“

Fünf Jahrzehnte Fernsehgeschichte

📽 Der Skandal-„Tatort“. „Reifezeugnis“ sorgte 1977 für wochenlange Debatten, weil Nastassja Kinski – damals 15 – freizügig in Szene gesetzt wurde. Heute zählt das Frühwerk des späteren Regie-Stars Wolfgang Petersen („Das Boot“) zu den Klassikern der Reihe.

📽 Wie im wilden Westen. Gestorben wird in vielen Krimis, aber selten so oft wie in „Im Schmerz geboren“ (2014). Stilistisch an Sergio Leones Western und inhaltlich an Shakespeares Königsdramen orientiert, zählten „Tatort“-Statistiker letztlich mehr als 50 Tote.

📽 Großes Kino. Hollywood-Legende Samuel Fuller hat 1974 den „Tatort“ „Tote Taube in der Beethovenstraße“ inszeniert – und auf alle Fernsehkonventionen gepfiffen. Das Publikum war irritiert. In den USA lief der Film später im Kino.

📽 Der neue Fall. Ein Mord in München führt zu einer Mafia-Pizzeria in Dortmund. Leitmayr und Batic ermitteln mit dem Team um Kommissar Faber. Regisseur Dominik Graf hat bereits mehrere Ausnahme-„Tatorte“ gedreht, etwa „Frau Bu lacht“ (1995) und „Der rote Schatten“ (2017). Sonntag, 20.15 Uhr, ARD/ORF2.

Schon früh wurde auch Österreich mitgespiegelt: In Wien herrschte am 7. November 1971 „Mordverdacht“. Oberinspektor Marek (Fritz Eckhardt) ermittelte. Eckhardt ging 1987 in den Ruhestand. Sein Nachfolger sollte Passini heißen, doch dessen Darsteller machte schon nach einem Fall Schluss: Christoph Waltz wollte sich nicht vorschnell auf die Polizistenrolle festlegen lassen – und konnte sich diese Entscheidung später mit zwei Oscars vergolden. 1997 geht Johannes Nikolussi, einst Ensemblemitglied des Tiroler Landestheaters und seit Jahren Qualitätsgarant der hiesigen freien Szene, in zwei Austro-­„Tatorten“ auf Mörderjagd. 1999 schließlich übernimmt Harald Krassnitzer als Moritz Eisner. Seit 2011 ermittelt er im Verbund mit Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Erfunden wurde Bibi vom Wahltiroler Autor Uli Brée, der seit „Vergeltung“ (2011) regelmäßig „Tatort“-Drehbücher schreibt. Zwischen 1995 und 2011 hat auch Felix Mitterer mehrere Tirol-„Tatorte“ geschrieben: Gemordet wurde unter anderem in Mieming („Passion“), Telfs („Baum der Erlösung“) und am Achensee („Tödliche Habgier“).

„Reifezeugnis“ mit der damals 15-jährigen Nastassja Kinski.
© Imago

In 50 Jahren hat sich der „Tatort“ immer wieder an gesellschaftspolitisch relevante Themen gewagt: Rassismus, Obdachlosigkeit, Drogen, Bestechung, Sextourismus, Terror. 1978 leitet mit Nicole Heesters erstmals eine Kommissarin die Ermittlungen. 1981 stellt sich Götz George mit einem herzhaften „Scheiße“ als Horst Schimanski vor – nicht nur der Ton wurde rauer, auch der Mord am Sonntag bisweilen rabiater. Seit 1989 löst Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ihre Fälle in Ludwigshafen. Heute ist sie die dienstälteste Ermittlerin des „Tatort“-Kosmos. Gerade in dieser Kontinuität liegt das Erfolgsgeheimnis der Krimi-Reihe: Sie reagiert auf Moden und Zeitgeist, folgt aber dem einmal etalblierten Muster. Selbst die experimentelleren „Tatort“-Folgen bleiben sich letztlich treu. Zumal sich mit dem Siegeszug sozialer Medien auch „Tatort“-Kritik zur eigenen Kunstform entwickelt hat: Man stört sich an quatschigen Motiven, einfältigen Storys oder zu großem inszenatorischen Stilwillen – und teilt sein Genörgel auf Twitter. Auch dafür muss man einschalten.

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Aktuell ermitteln 22 verschiedene „Tatort“-Teams. Zwei davon führt der Jubiläumsfall „In der Familie“ zusammen. Die Münchner Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) müssen mit dem bisweilen verhaltens­auffälligen Dortmunder Ermittler Faber (Jörg Hartmann) zusammenarbeiten. Und haben dafür gleich zweimal neunzig Minuten Zeit. Teil eins des von Dominik Graf inszenierten Krimis läuft am kommenden Sonntag. Die Fortsetzung eine Woche später. Ohne vorab zu viel zu verraten: Auch dieser Fall wird gelöst. Totzukriegen ist der Tatort auch als Zweiteiler nicht. tv

Jubiläumsfolge: „In der Familie 1“ läuft am Sonntag.
© ARD

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