Ehemaliger Bichlbacher Bürgermeister: „Das Wichtigste ist Familie“

Albert Linser war Bürgermeister, ist Transitkämpfer, baute einen Tier- und Spielpark samt Märchen- und Krippenwelt auf, hilft in Nepal und engagiert sich für Flüchtlinge.

Eine der vielen Leidenschaften des Bichlbachers Albert Linser sind die Krippen.
© Paschinger

Von Alexander Paschinger

Bichlbach – Eines schickt Albert Linser entschieden voraus: „Ich will kein Gutmensch sein und auch nicht als Kritisierer dastehen. Ich sag’ einfach meine Meinung, und ich steh’ auch dazu.“ Und während der 73-Jährige mit einem gut 20 Zentimeter langen und sichtbar uralten Schlüssel die Tür zum Inneren seines Krippenmuseums am Gelände des Tier- und Spielparkes in Bichlbach aufsperrt, begründet er seine Haltung mit einem Satz, den ihm sein Vater mitgegeben hat: „Tue recht und scheue niemand.“

Linser tanzt, wie man sagt, auf vielen Hochzeiten. Er ist zutiefst heimatverbunden, „ein Hoamrearer“, und doch Weltbürger. Werte wie Familie und Geborgenheit sind ihm das Wichtigste – und doch weiß er auch, wie er für allgemeine Anliegen auf die Barrikaden geht. Als Sohn eines Altbürgermeisters und Getränkelieferanten übernahm er das väterliche Geschäft nach dessen frühem Tod. Er wurde Obmann der Musikkapelle, von 1980 bis 1992 Bürgermeister seiner Heimatgemeinde, lehnte sich gegen die Verkehrsbelastung durch das Zwischentoren auf, gründete seine „Eselei“ mit bis zu 50 Tieren, baute den beliebten Tier- und Spielpark auf, brachte Obdachlosen in Innsbruck Kleidung, half beim Aufbau einer Schule in Nepal, engagiert sich weiterhin für die Kinder dort und schloss sich zuletzt der Außerferner Initiative zur Hilfe von Kindern im griechischen Flüchtlingsheim Moria auf Lesbos an. „Man muss sehen, was tun tun ist, und braucht Courage, es durchzuziehen.“

Die Einnahmen aus dem Eintritt für die Krippenwelt kommen über Linsers „Eselhelp“ Obdachlosen und den Nepal-Kindern zugute.
© Paschinger

Irgendwie spiegelt sich das Wesen Linsers in einer seiner Leidenschaften wider: der Krippe. „Ihr Kern ist die Familie, Herberge, Geborgenheit“, sagt er. Seine Frau, seine vier Töchter und die Enkelkinder sind ihm selbst das Wichtigste. Es geht aber nicht nur um bloße Idylle in seinen mehr als 100 Krippen, von denen er nur einen Teil in seiner Krippenwelt zeigt. Sicher zählen eine Grödener, eine Neapolitaner oder eine aus Muranoglas dazu, genauso wie die monumentale, bewegliche Krippe auf 80 m², auf die er es sogar schneien lassen kann. Andererseits nennt er auch exklusive Besonderheiten sein eigen, die zum Nachdenken anregen.

Eine davon steht derzeit nicht in Bichlbach, sondern als Leihgabe im Innsbrucker Volkskunstmuseum: die so genannte „Ketzerkrippe“. Frei nach Motiven aus Felix Mitterers Piefke-Saga – mit der Heiligen Familie in der Pistenraupengarage, den drei Königen auf einem Förderband, einem teilbeschneiten Hang oder einem „Café Restwasserblick“ in der Landschaft. Diese Krippe fand zuletzt wieder große Beachtung und bleibt auch noch weiter in der Ferne – „als Nächstes soll sie in Kitzbühel ausgestellt werden“, freut sich Linser über das Interesse.

Weit über 100 Krippen, darunter auch Miniaturen, gehören Linser.
© Paschinger

Dazu passt Linsers politisches Leben. Mit dem vom Vater übernommenen Bauernkalender wurde er als „Schwarzer“ sozialisiert. 1980 wurde er zum Bürgermeister gewählt. Bald erkannte er Naturverbrauch und Verkehrsbelastung als seine Themen. Höhepunkt war 1990 die Sperre der Fernpassstraße: Seine Lawinenkommission reagierte auf die Verkehrslawine. Noch heute wehrt er sich gegen den Fernpass­tunnel. „Ich sage nicht, dass die Ötztaler und Pitztaler ihre Gletscherskigebiete nicht zusammenschließen dürfen. Aber die 15 Prozent mehr Gäste müssen großteils durch unser Tal.“

Die fröhlich musizierenden Mönche seiner Nepal-Krippe passen hingegen zum sozialen Engagement Linsers. Begonnen hatte er damit, Kleidung zu sammeln und im Kleinbus in die Teestube nach Innsbruck zu bringen. Daneben faszinierte ihn Nepal – 2011 wagte er sich erstmals in ein Flugzeug. Und dann gleich nach Nepal. Auf über 5000 Metern spielte er dort auf einem Pass Trompete. Und half beim Umbau der Schule eines Dorfes mit. Seinen eigenen Anteil, wofür er über Jahre auf Weihnachtsgeschenke verzichtet hatte, spielt er herunter: „Viel wichtiger ist das, was die vielen, oft kleinen Spender geben.“ Er selbst fühle sich beinahe „egoistisch, wenn ich die Dankbarkeit der Nepalesen erlebe. Das gibt ein Vielfaches zurück.“ Die Einnahmen aus der Krippenwelt fließen in die „Eselhelp“ – und werden für Obdachlosenhilfe und Kinder in Nepal aufgeteilt.

Tief getroffen haben Linser heuer die Bilder aus dem Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. So unterstützte er gleich die Initiative zur Hilfe für die Kinder, die unter anderem vom Reuttener Bürgermeister Luis Oberer und dem Biberwierer Amtskollegen Paul Mascher ins Leben gerufen wurde. Vor einigen Wochen zog Linser mit Dekan Franz Neuner durch das Innsbrucker Landhaus. „Der Dekan erklärte, worum es geht – und dann kam ich mit dem rebellischen Teil.“ Die Antwort, dass die Kinder aus Moria Angelegenheit des Bundes wären, kann er nicht verstehen. „Das geht doch nicht, dass man in einer Demokratie nicht helfen darf“, blickt er auf seine vielen Ställe von Bethlehem.


Kommentieren


Schlagworte