Gesundheit nach Covid-19: Jeder Zehnte hat noch nach vier Wochen Symptome

Mediziner bitten Tiroler, die mit Covid-19 infiziert waren, an einer Umfrage teilzunehmen. Die Resultate sind auch für die Nachsorge wichtig.

Nach einer Covid-19-Infektion steht einigen Betroffenen noch ein langer Weg bevor, manche sollten auch auf Reha gehen.
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Von Theresa Mair

Innsbruck – Sieben Seiten lang ist der Fragebogen „Gesundheit nach Covid-19“. Das ganze bisher bekannte Spektrum von Covid-19 ist darin aufgefächert. Es fängt bei möglichen Vorerkrankungen an, geht über die Auflistung von über 40 Symptomen, erhaltene Behandlung und Reha bis hin zu Langzeit- bzw. Folgeerscheinungen.

Judith Löffler-Ragg.
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Jeder ab 16 Jahren, der in Tirol wohnhaft ist und eine Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht hat, ist aufgerufen, bei der Online-Umfrage mitzumachen. „Es ist wertvoll, die Information zu bekommen, auch wenn es den Menschen gut geht und auch wenn die Infektion schon sechs bis acht Monate zurückliegt“, sagt Judith Löffler-Ragg, Pneumologin an der Uniklinik für Innere Medizin II in Innsbruck.

Ein behördlich definiertes Genesen heißt nur, dass man nicht mehr in Quarantäne bleiben muss.
Judith Löffler-Ragg (Uniklinik für Innere Medizin II)

Die allgemeine Annahme sei, dass 80 Prozent der Infizierten einen asymptomatischen oder milden Verlauf der Erkrankung haben. Im Akutverlauf müssten knapp zehn bis 20 Prozent der Betroffenen stationär ins Krankenhaus, jeder fünfte davon benötigt eine Behandlung in der Intensivstation.

Es gebe erste Hinweise, dass sich nach langer Behandlung auch schwere Organschäden in der Lunge bessern können. Dem gegenüber stehen aber auch unspezifische Symptome nach milden Verläufen, wie Abgeschlagenheit, Kurzatmigkeit, Konzentrations- und Geruchsstörungen, die lange anhalten können. „Wir haben bisher noch keine sichere Definition, wie lang die Symptome einer SARS-CoV-2-Infektion andauern. Ein behördlich definiertes Genesen heißt nur, dass man nicht mehr in Quarantäne bleiben muss. Das heißt nicht, dass man wieder völlig gesund ist.“

Eine Analyse der Ergebnisse der UK-Covid-App, einer Handy-App für Betroffene in Großbritannien, ergab, dass jeder Zehnte nach vier Wochen noch Beschwerden hat, 90 Prozent haben keine Symptome mehr. Umgerechnet auf die 29.140 Tiroler, die behördlich als genesen gelten, müsste dies heißen, dass hier 2914 Menschen nach vier Wochen noch nicht vollständig gesund waren. „Wir möchten mit der Umfrage Erkenntnisse über die Verteilung in der Bevölkerung, die Muster der Symptome und ihre Dauer gewinnen. Das sind wichtige Informationen, um Versorgungsfragen abzuleiten, um Ressourcen und Strukturen zu schaffen.“ Etwa zur Behandlung von Geruchs­störungen oder wenn es um die Organisation der Nachsorge geht.

Christoph Puelacher.
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„Es gibt Patienten, die noch Infiltrate in der Lunge haben, die man mit Cortison behandeln muss. Es gibt aber auch Patienten, die haben unklare Thoraxschmerzen und ein Druckgefühl auf der Brust, und man findet keine Ursache. Sie haben einen Leistungsknick, Angst und Depressionen. Sie wissen nicht, ob sie sich belasten dürfen oder nicht“, sagt Christoph Puelacher, Lungenfacharzt und Leiter der ambulanten Reha in Innsbruck.

Für all diese Betroffenen sei es wichtig, mit ärztlich gesteuertem Training wieder an ihre Leistungsfähigkeit herangeführt zu werden. „Jemand, der sich subjektiv gut fühlt, ist kein Patient für die Reha. Jene, die aus dem Krankenhaus entlassen werden und meinen, es dauere einfach, bis es besser wird, sind vermutlich die Leut­e, die eine Reha brauchen“, sagt Puelacher. Erste Ansprechperson ist der Hausarzt. Ambulante Reha beinhaltet v. a. individuelle Atemmuskeltraining und Atemtherapie, aber auch psychologisches Coaching und Information zu Ernährung.

Jene, die meinen, es dauere einfach, bis es besser wird, sind vermutlich diejenigen, die eine Reha brauchen.
Christoph Puelacher (Reha Tirol)

Puelacher unterstützt wie auch die Tiroler Ärztekammer und das Land Tirol die Umfrage, die von Infektiologen, Pneumologen, Neurologen, Psychologen und Allgemeinmedizinern entwickelt wurde. Die Erhebung wurde von der Ethikkommission geprüft, es werden keine Daten abgefragt, welche die Teilnehmer identifizierbar machen würden. Der Fragebogen ist seit September online abrufbar. Knapp 600 Tiroler haben bisher mitgemacht – gebraucht werden mehr als 1000.

🔗 Die Umfrage ist abrufbar unter: go.tt.com/gesundheitcovid

Kostenlose Online-Infoveranstaltung zu Covid mit Christoph Puelacher: jeden Do 18-18.45 Uhr. Anmeldung bis Mi: office@reha-innsbruck.at


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