Mit Hitze gegen Neophyten: So können die Pflanzen abgetötet werden

Ein Forschungsprojekt in Roppen will invasive Pflanzen zur Gänze abtöten. Neophyten sollen so in ganz Tirol bekämpft und am Ende fachgerecht entsorgt werden können.

Beispiel Staudenknöterich: Diese Pflanze führt zu Schädigungen an Gleisanlagen, Uferbefestigungen, Mauerwerk und Gebäuden.
© Pagitz

Von Thomas Parth

Roppen, Innsbruck – Eine Umfrage des Imster Regionalmanagements erhob jüngst den Informationsstand zum Thema Neophyten. Es zeigte sich, dass weit über zwei Drittel der Befragten dringenden Handlungsbedarf bei der Bekämpfung invasiver Pflanzen sehen. Dies nahm auch der Neophytenbeauftragte des Landes, Konrad Pagitz, zum Anlass, sich an einem gemeinsamen Forschungsprojekt zu beteiligen. „Wenn es um die Entsorgung von Neophyten geht, ist bis dato die Verbrennung der Pflanzen der Weisheit letzter Schluss. Hier liegen die Kosten zwischen 250 und 300 Euro je Tonne Material. Zwar geht man so auf Nummer sicher bei der Vernichtung, doch ist das richtig kostspielig“, zeigt Pagitz auf.

Greiskraut: Sein Gift kann bei Menschen über die Kuhmilch Leberschäden hervorrufen und die Fruchtbarkeit von Männern mindern.
© Pagitz

Nun kommt der Abfallbeseitigungsverband (ABV) Westtirol ins Spiel. Hier ist mit Anlagenleiterin Eva-Maria Weinseisen eine Biologin am Werk, die sich umgehend in den Dienst der Forschung stellte. Strauchschnitt oder Bio-Abfälle werden in der ABV-Anlage in Roppen zunächst zerkleinert, gereinigt und erhitzt, wodurch es zum Abbau des Materials kommt. Im Rahmen dieses Gärungsprozesses werden Humus und Biogas gewonnen.

Im Zuge des Forschungsprojekts wurde untersucht, ob die Wärme der ABV ausreicht, um die vermehrungsfähigen Pflanzenteile von Neophyten – seien es Früchte, Wurzelteile oder Samen – zu zerstören. „In Roppen arbeitet der erste Anlagenteil mit einer Temperatur zwischen 50 und 55 Grad Celsius. Das ist sicherlich der untere Grenzbereich, in welchem man mit einer Abtötung der Neophyten rechnen kann“, zeigt Pagitz vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck auf.

Springkraut: Es ist sehr stark in der Verbreitung, bedroht die heimische Pflanzenvielfalt und begünstigt Bodenerosion.
© Pagitz

Ein zweiter Anlagenteil treibt die Temperatur auf 70 Grad hinauf und garantiert so die gesicherte Behandlung bis zur Vermehrungsunfähigkeit aller Pflanzen, was den Kompost ergibt. „Erstmals haben wir nun Pflanzen-Proben in die Kompostieranlage eingebracht, um zu sehen, ob sich auch hier eine weit weniger kostenintensive Methode ergibt, um den Neophyten beizukommen“, bestätigt Pagitz. Einen ersten Erfolg habe man bereits mit der Robinie nachweisen können, deren Samen nach 21-tägiger Behandlung im Bio-Reaktor nicht mehr keimfähig waren. Bei zwei weiteren Neophytenarten stehen die Ergebnisse noch aus, so Pagitz.

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Im Bezirk Imst haben sich sowohl die beiden Naturparks im Ötztal und am Kaunergrat im Pitztal als auch weitere wichtige lokale Player wie z. B. Straßenerhalter, Forstinspektion und Landwirtschaftskammer zu einem runden Tisch eingefunden, um die Neophyten-Problematik anzugehen. Damit spiele man auch der Neophyten-Strategie des Landes Tirol in die Hände, welche die Anstrengungen im Kampf gegen invasive Arten koordiniert. „Neophyten sind im Stande, heimische Arten zu verdrängen, wodurch die Biodiversität stark eingeschränkt wird“, klärt der Neophyten-Experte auf. Nicht nur Asthmatiker leiden unter der Belastung durch Neophyten-Pollen. Diese können Allergien erst hervorrufen. Bei Tieren können einige Arten nach dem Verzehr Leberschäden auslösen, die über die Milch der Kühe auch den Menschen betreffen. Die Sprossen des Staudenknöterichs etwa können Bahntrassen unterwandern und destabilisieren. „Und das Wurzelwerk der Robinie geht mit Stickstoff-Bakterien eine Partnerschaft ein, die selbst nach der Entfernung des Baumes eine Bodenverschlechterung nach sich zieht“, so Pagitz.

Goldrute: Sie verbreitet sich rasch entlang von Bahndämmen und ist für manche Nutztierarten giftig und beim Menschen allergieauslösend.
© Pagitz

Man habe im Neophyten-Kompetenzzentrum Tirol eine Reihung vorgenommen, wo nach Häufigkeit und Gefährlichkeit der jeweiligen Arten gewichtet wurde. „Unsere Bemühungen münden in einen Leitfaden und ein Maßnahmenpaket“, sagt Pagitz den Neophyten den Kampf an.

Ambrosia/Ragweed: Die Ambrosia ist vor allem für Allergiker und Asthmatiker gesundheitsgefährdend und ein hartnäckiges Unkraut.
© Pagitz

Die Bevölkerung kann sich an Gemeinden, Bezirkshauptmannschaften oder direkt ans Institut für Botanik der Uni Innsbruck wenden, falls Neophyten gesichtet werden. „Unsere Online-Datenbank weist tirolweit 2950 Verdachtsfälle auf“, bestätigt Pagitz, der sich weitere bewusstseinsbildende Maßnahmen wünscht. Im Rahmen des Imster Regio-Projektes sind Coachings für Gemeindearbeiter und das Müllmanagement sowie ein Schulprojekt in Planung. Als ersten kleinen Schritt würden Info-Tafeln an den Bauhöfen installiert. „Wünschenswert wäre ein direkter Neophyten-Ansprechpartner im Bezirk“, bestätigt Manuel Flür von Regio Imst, der besonders „Landwirtschaft und Gärtnereien weiter für das Thema Neophyten sensibilisieren möchte“. Neophyten-Meldungen/Info: www.uibk.ac.at/botany/neophyten-tirol


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