Nicht nur Lunge betroffen: Covid-19 befällt den gesamten Organismus

Von wegen Lungenkrankheit, das Coronavirus kann im ganzen Körper Entzündungen auslösen. Bei schweren Fällen hilft Cortison.

Klinikdirektor Herbert Tilg bleibt dem Coronavirus auf der Spur.
© Jan Hetfleisch

Innsbruck – Das Coronavirus erstaunt die Mediziner nach wie vor. War Covid-19 zunächst als Lungenkrankheit eingeordnet worden, wird immer klarer, dass SARS-CoV-2 sehr viel mehr im Körper anrichten kann, als die Lunge anzugreifen. „Wir haben es von Viren bisher nicht gekannt, dass sie so schwere systemische Entzündungen auslösen, dass alle Organe – vom Herz über die Gefäße bis zum Hirn – betroffen sein können“, sagt der Internist und Direktor der Klinik für Innere Medizin I, Herbert Tilg, von der Medizin-Uni Innsbruck. „Wir haben herausgefunden“, sagt er, „dass die Hälfte der Covid-Patienten krankhaft erhöhte Leberwerte aufweisen. Und je höher die Leberwerte, desto massiver sei die Entzündung im Körper. Durchfall oder Erbrechen haben Tilg und Kollegen schon früher als mögliche frühe Anzeichen für eine Covid-19-Erkrankung identifiziert.

All das seien überschießende Immunreaktionen des Körpers, also Entzündungen. Diese wiederum brächten die komplexe Welt der Darmkeime durcheinander, was dazu beitrage, dass sich die Entzündung im Körper weiter ausbreiten und der Krankheitsverlauf immer schwerer werden könne bis hin zum Tod, erklärt der Gastroenterologe Tilg.

Bei schweren Verläufen wird Cortison eingesetzt

Diese Erkenntnisse haben die Ärzte inzwischen zu einem ungewöhnlichen Therapieansatz geführt. Sie setzen bei schweren Covid-19-Verläufen das entzündungshemmende Cortison ein. „Bislang gab es keine Viruserkrankungen, wo das mit gutem Gewissen eingesetzt wurde“, sagt Tilg: „Doch bei Klinikpatienten, bei denen Atemnot einsetze, geben wir es inzwischen.“ Richtig angewendet, senke das Cortison die Sterblichkeit.

Leber und Darm würden sich nach überstandener Krankheit übrigens wieder erholen, sagt Tilg. Von chronischen Schädigungen gehe man bislang nicht aus.

Inwieweit übrigens andere Infektionskrankheiten durch die bessere Hygiene und den Mund-Nasen-Schutz in diesem Winter zurückgedrängt werden, könne man erst nach den kalten Monaten sagen, meint Tilg. Was bereits auffällig sei, ist, dass es derzeit kaum Infektionsfälle durch die hochansteckenden Noroviren gebe. Dies führt er sehr wohl auf die verstärkten Hygieneregeln zurück. Und insofern hoffe er auch, dass die Grippe heuer weniger Verbreitungsmöglichkeiten findet. (sta)


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