Georg Trakl in einem Band: „Langsam das reden, was die Seele will“

Der ganze Trakl in einem Band: „Georg Trakl: Dichtungen und Briefe“ schließt eine Leerstelle.

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Der Dichter in Uniform: Georg Trakl als Sanitätsoffizier.
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Innsbruck – 2014, zum hundertsten Todestag des Dichters, erschienen die letzten beiden Bände der großen Innsbrucker Georg-Trakl-Gesamtausgabe. In einem Verlag, den es inzwischen nicht mehr gibt. Stroemfeld/Roterstern, spezialisiert auf vielbändige, mit Dokumenten und Faksimiles angereicherte Werksammlungen, meldete 2018 Insolvenz an. Antiquarisch ist die achtbändige Innsbrucker Ausgabe, die sich vornehmlich an Fachleute und die unverbesserlich bibliophilen „Happy Few“ wendet, noch erhältlich.

Eine greifbare Trakl-Gesamtschau, die das Werk des Dichters leserfreundlich aufbereitet, dessen Gedichte und Prosaarbeiten zusammenführt, die seine ­Korrespondenz und auch jene Texte aufbereitet, die er Zeit seines kurzen Lebens – er war 27, als er ihm ein Ende setzte – nicht veröffentlicht hat, fehlte aber lange.

Nun schließt „Georg Trakl. Dichtungen und Briefe“ diese Leerstelle: der ganze Trakl auf gut 620 großformatigen Seiten. Vor allem natürlich die Gedichte, diese eigenwillig expressive Lyrik, die in bisweilen hohem Ton zerrissene Zustände in vielfarbige Naturbilder spiegelt – und dunkle Symbolik findet für noch dunklere Gedanken.

Zusammengestellt, geordnet und herausgegeben hat die Textsammlung – neben den Gedichten finden sich darin auch Prosa und Fragment gebliebene Dramen-Entwürfe – Hans Weichselbaum, hochverdienter Biograf des Dunkeldichters und seit gut 50 Jahren Leiter der Georg-Trakl-Forschungs- und Gedenkstätte in Salzburg.

Selbst für Kenner der Materie bietet der schön gemachte Band die Möglichkeit, Entdeckungen zu machen. Immer wieder wurden zuletzt neue Trakl-Texte entdeckt: 2016 in einem Wiener Antiquariat ein auf einer Buchseite notiertes „Hölderlin“-Gedicht; 2012 in den USA die „Sammlung Richard Buhlig“, in der sich gleich zwei bis dahin unbekannte Gedichte fanden.

Spannend und bisweilen seltsam tragikomisch sind aber auch die Briefe des früh verglühten Dichters. In einem nie abgeschickten Schreiben an den Architekten Adolf Loos gibt Trakl poetologische Selbstauskunft: Ihm sei zumute, „als lernte ich in unsäglicher Mühsal langsam das reden, was die Seele will“, schreibt er im Juni 1914. Auch Fluchtversuche vor dem Mühsal gibt es: Noch vor dem Brief an Loos schreibt er an das niederländische Kolonialamt, bietet sich als Pharmazeut für Überseekolonien an. Vielleicht, diesen Hintergedanken darf man aus dem Schreiben ziehen, ist das Leben und das Leiden daran anderswo erträglicher. Auch die Absicht, nach Albanien zu gehen – „wenn alles gut geht“ –, klingt in einem weiteren Brief an Loos an. Hoffnung macht ihm ein Almosen Ludwig Wittgensteins. Nun sei es ihm möglich, „der eigenen Stille ungestört nachgehen zu können“, schreibt er an den spendablen Philosophen. Es kam der Krieg – und alles anders. Im August 1914 wird Trakl nach Galizien abbefohlen. Im September erlebt er die Schlacht von Grodek. Anfang November geht er in den Tod. (jole)

Lyrik. Georg Trakl: Dichtungen und Briefe. Otto-Müller-Verlag, 620 Seiten, 39 Euro.


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