„Zukunftsjob“ Pflege zwischen Mensch und Maschine

Roboter und Digitalisierung verändern den Gesundheitsbereich. Auch in Tirol. Eine Bestandsaufnahme zum „Zukunftsjob“ Pflege.

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Der Roboter „Lio“ wird derzeit im Forschungsprojekt „Pur“ in zwei Pflegeheimen getestet.
© PROJEKT PUR

Von Benedikt Kapferer

Innsbruck – In den Medien und auf Plakaten ist laufend vom „Zukunftsjob“ Pflege die Rede. Die Werbung soll junge Menschen zur Bewerbung für eine Ausbildung anregen. Gleichzeitig verändert die Digitalisierung aber die Arbeitswelt grundlegend. In den vergangenen Jahren war immer wieder von Pflegerobotern zu hören. Daher stellt sich umso mehr die Frage, wie sehr sich der „Zukunftsjob“ ändern wird.

Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Der Gesundheits- und Pflegebereich braucht dringend Personal – nicht erst seit Corona. Eine Studie im Auftrag des Sozialministeriums berechnete den Bedarf an Arbeitskräften in der Pflege bis 2030. Demnach ist aufgrund der Bevölkerungsentwicklung einerseits mit einer Zunahme der pflegebedürftigen Menschen zu rechnen. Andererseits gehen in den nächsten Jahren viele Pflegekräfte in Pension. In Summe gibt es daher bis 2030 einen Bedarf von etwa 75.000 zusätzlichen Arbeitskräften. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) spricht sogar von 100.000.

Großer Wurf in weiter Ferne

Vor dem Hintergrund der Corona-Krise, der Digitalisierung und des Arbeitskräftemangels scheinen Roboter als „soziale Maschinen“ Abhilfe zu schaffen. Sie würden die Hygiene einhalten, wie die eine oder andere Meldung aus dem asiatischen Raum nahelegt. In der Realität liegt der große Wurf aber noch in weiter Ferne. Es gäbe mit Corona zwar einen Schub bei der Digitalisierung in der Pflege, meint der Pflegewissenschafter und medizinische Informatiker Johannes Hilbe. Dies betreffe aber vor allem die Dokumentation von Gesundheitsdaten oder die Sensorik. Bei Letzterem geht es etwa um die Sturzerkennung. „Der Pflegeberuf bleibt aber ein Beziehungsjob mit viel sozialer Kompetenz“, ist er überzeugt.

Von Pflegerobotern könne daher noch lange nicht die Rede sein, meint Hilbe und verweist lediglich auf Grundlagenforschung. So testet das zweijährige Projekt „Pur – Pflegeunterstützende Robotik“ gerade den Roboter „Lio“ eines Schweizer Unternehmens in zwei Altenheimen im Bodensee­raum. „Lio“ erprobt unterstützende Tätigkeiten und dient als Assistent. Er reicht Objekte, unterhält Patienten mit Ratespielen oder erzählt Geschichten. Erste Erfahrungen zeigen Fort- und Rückschritte.

Personal fühlt sich nicht verdrängt

Die Bewohner freue­n sich, wenn sie „Lio“ sehen, und fragen auch nach, wann er wieder kommt, heißt es auf TT-Anfrage. Er wird auch von vielen begrüßt, berichtet Stefanie Ebner von der Caritas-Altenhilfe Konstanz. In Bezug auf Corona und Ansteckungen durch infektiöse Patienten könne ein Roboter durchaus von Vorteil sein. Nachts fährt er durch die Gänge und desinfiziert die Türklinken mit einer speziellen Lampe. Vom Personal fühle sich aber niemand verdrängt. Im Gegenteil: Er trage zu einer Entlastung bei. „Wichtig für uns ist, dass wir dadurch mehr Zeit für die zwischenmenschlichen Begegnungen haben“, so Ebner. Auch die Einbindung der Pflegerinnen vor Ort ist ihr besonders wichtig. So könne sie ihre ethischen Standpunkte in der Entwicklung des Roboters einbringen. „Dazu zählt in erster Linie, dass er kein Personal ersetzen darf“, sagt Ebner.

„Es geht um Beziehungsarbeit und Vertrauen. Das kann ein Roboter nie erfüllen.“ – Christoph Thurner
 (Pfleger und Ausbildner FH Gesundheit)
© Thurner

Für Katrin Paldán vom beteiligten Forschungszentrum Nutzergenerierte Technologien der FH Vorarlberg liegt der Vorteil von Robotern genau darin: in der Entlastung der Pflege. Für einen breiten und fehlerfreien Einsatz dauere es aber noch viele Jahre. Paldán betont dabei, dass die menschliche Zuwendung nie verdrängt werden darf. „Der Mensch und die Bedürfnisse sollten im Vordergrund stehen, nicht die technische Innovationskraft“, so die Forscherin.

Christoph Thurner von der Tiroler FH Gesundheit sieht technische Hilfsmittel in der Pflege als Ergänzung. „Ein Roboter oder ein digitaler Assistent wird die menschliche Beziehung nie ersetzen“, so der Gesundheits- und Krankenpfleger. Technische Innovationen müssten auch von der Pflegewissenschaft begleitet und in ethischer Hinsicht diskutiert werden: „Was passiert mit den Daten? Wie handelt die Künstliche Intelligenz?“, wirft Thurner zentrale Fragen für die Zukunft auf.


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