Schnee hat Osttirol fest im Griff: „Es ist einfach zu gefährlich“

Mehrere Lawinenabgänge, unbefahrbare Straßen und in vielen Tälern kein Strom: In Osttirol wird fieberhaft geräumt, bevor die nächste Front kommt. Schulen heute zu.

Die Straßensperren in Osttirol (hier die Kalser Landesstraße) sind fast flächendeckend. Auch Felbertauernstraße und B100 sind betroffen.
© Expa/Groder

Von Catharina Oblasser

Lienz – Die Rekordmengen an Niederschlägen setzen dem Bezirk Lienz zu. In Prägraten, wo am Samstagabend eine Lawine im Ortsteil Hinterbichl mehrere Häuser beschädigt hatte, sind die Einsatzkräfte nach wie vor gefordert. Bewohner des Ortsteils Bobojach sind vorsorglich evakuiert worden, berichtet Bürgermeister Anton Steiner. Die Bewohner der von der Lawine getroffenen Gebäude und Bauernhöfe in Hinterbichl konnten in ihren Häusern bleiben. Und, was Steiner sehr wichtig ist: „Alle sind gesund, es geht ihnen gut, den Menschen wie auch den Tieren.“

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In Hopfgarten in Defereggen hat eine Schlammlawine Sonntagvormittag drei Häuser beschädigt. „Es hat die ganze Nacht geregnet“, so Bürgermeister Franz Hopfgartner. „Dadurch löste sich der Nassschnee vom Hang und ist in Zimmer und Keller eingedrungen.“ Die enorme Lawinengefahr ist dem Bürgermeister bewusst. „Wir haben alle informiert, dass sie nicht hinausgehen sollen“, meint Hopfgartner. „Es ist einfach zu gefährlich.“ Warnstufe 5, wie sie für Osttirol ausgerufen wurde, ist die höchste Stufe. Auch in Nußdorf-Debant kam es zu einem Lawinenabgang, niemand ist verletzt worden. Die Bewohner der zwei betroffenen Häuser wurden evakuiert.

Lawinen, Stromausfälle: In Hopfgarten beseitigt die Feuerwehr Spuren einer Schlammlawine aus einem Haus
© Brunner Images

In Kartitsch ist eingetreten, „womit wir schon gerechnet haben“, sagt Bürgermeister Josef Außerlechner. „Der Strom ist ausgefallen.“ Zum Glück gebe es in den meisten Häusern Öfen, die mit Holz geheizt werden können. „Und die Bauern haben ein Notstromaggregat, das ist bei uns schon Standard“, meint Außerlechner. So kann die Stallarbeit trotzdem erledigt werden. Dank persönlicher Kontakte ist in Kartitsch überdies eine 350-PS-Schneefräse aus der Steiermark im Einsatz.

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Der Eigentümer, ein Bekannter der Gemeindeführung, nahm eine sechsstündige Fahrt bis nach Osttirol auf sich, um die Straßen des Dorfes einigermaßen passierbar zu machen. „Bis Dienstag wird er wohl noch zu tun haben“, meint Außerlechner.

Fortbewegen kann man sich ohnedies nur in kleinem Radius. Ein Großteil der Landes- und Gemeindestraßen ist wegen Lawinengefahr gesperrt. Auch Bundesstraßen sind betroffen, wie die B100 Drautalbundesstraße, die B111 Gailtalbundesstraße und die Felbertauernstraße.

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Aufgrund der extremen Wettersituation und zahlreicher Straßensperren ist eine Zustellung der Tiroler Tageszeitung im Bezirk Lienz auch am Montag nicht möglich. Auch in Nordtirol sind einige Orte - wie Gries am Brenner und andere Ortsteile - aufgrund von Sperren nicht erreichbar.

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Sollte sich die Lage entspannen, wird die TT am Dienstag (inklusive der Montagsausgabe) wie gewohnt wieder zugestellt.

So wie in Kartitsch müssen auch andere Osttiroler ohne reguläre Stromversorgung auskommen. Besonders betroffen sind das Villgratental, der Raum Sillian und das Tiroler Gailtal. „Die Einsatzkräfte der Tinetz stehen weiterhin unter widrigsten und gefährlichen Bedingungen im Dauereinsatz“, erklärt Geschäftsführer Thomas Rieder. Wegen des Schlechtwetters und der gesperrten Straßen sind Reparaturen schwierig. Die Tinetz rechnet frühestens Montagabend mit einer Entspannung der Situation.

🚧 Straßensperren und Stromausfälle in Tirol

▶️ Die aktuellen Versorgungsunterbrechungen im Überblick

▶️ Alle aktuellen Straßensperren und Behinderungen in Tirol sind auf der Homepage des ÖAMTC zu finden.

Umstürzende Bäume kappen in vielen Tälern die Stromversorgung.
© Tinetz

Sämtliche Schulen des Bezirks bleiben wegen der gefährlichen Wetterlage heute geschlossen. Wenn der Niederschlag heute, wie angekündigt, nachlässt, bedeutet das für die Einsatzkräfte noch lange keine Ruhepause. Es heißt aufräumen, denn für die Wochenmitte ist das nächste Italien­tief angekündigt.

Landeshauptmann Günther Platter will sich bei nächster Gelegenheit selbst ein Bild der Lage machen und nach Ost­tirol kommen.

Von Sperren bis zu Stromausfällen

Auch in Nordtirol führten die Schneefälle, die teils in Regen übergingen, zu großen Problemen. „Wasser beschäftigt uns jetzt fast schon mehr als der Schnee“, meinte Landesfeuerwehrkommandant Peter Hölzl Sonntagmittag. Rund 50 Feuerwehren waren da noch im Einsatz.

Neben Osttirol war vor allem das Oberland betroffen. Insbesondere im Ötztal kämpften gut „drei Viertel aller Imster Feuerwehren“ mit Überschwemmungen, Verklausungen, drohenden Erdrutschen und schweren Schneelasten auf Bäumen, die umzustürzen drohten, so der Imster Bezirksfeuerwehrinspektor Josef Wagner.

Bereits am Samstagabend begann sich die Lage in Nordtirol zuzuspitzen. Unter der Schneelast brechende Bäume sorgten nicht nur für zahlreiche Straßensperren, sondern auch für Stromausfälle. Im Ötztal waren bis zu 7000 Haushalte betroffen.

Sölden hatte in der Nacht bald mit Regen zu kämpfen – die Feuerwehr versuchte die Überflutungen in Griff zu bekommen.
© ZOOM.TIROL

Der anfängliche Schneefall führte rasch zu Behinderungen. Auf der Inntalautobahn bei Pettnau sorgte ein rutschender Lkw für eine kurzfristige Sperre. Gegen 22.35 stürzte auf der Brennerbundesstraße bei Gries ein Baum auf ein Fahrzeug – der Lenker blieb unverletzt.

Der einsetzende Regen sorgte dann auch für Hangrutschungen wie in Kolsassberg: Gegen 2.30 Uhr in der Nacht wurde die Innerbergstraße auf einer Breite von 15 Metern vermurt und musste gesperrt werden. Am Sonntagvormittag gegen 10 Uhr wurde in Igls der Fernkreuzweg durch Erdmassen und Bäume verlegt – in beiden Fällen gab es keinen Personenschaden.

Zu Problemen kam es auch im Bahnverkehr. Auf der Brennerstrecke musste der Schienenverkehr eingestellt werden, die Karwendelbahn musste bis Sonntagmittag gegen 13 Uhr den Betrieb stoppen. Es wurden Schienenersatzbusse eingesetzt. (pascal)

Ein Rückgang, aber keine Entspannung

Tirols oberster Lawinenwarner Rudi Mair war am Wochenende im Dauereinsatz. Und die Gefahr ist noch nicht gebannt.

Wie entwickelt sich die Lawinengefahr, ganz besonders in Osttirol?

Rudi Mair: Gestern war sicher die Spitze zu verzeichnen. Wir können heute sicher von einem leichten Rückgang sprechen. Aber von einer Entspannung würde ich noch nicht reden.

Auch in den kommenden Tagen ist noch mit Neuschnee zu rechnen.

Mair: Das stimmt. In Osttirol wohl noch bis zu 50 Zentimeter am Dienstag. Wir werden am Montag mit Lawinenwarnstufe 4 im oberen Bereich eventuell durchkommen. Und hoffen, dass die Gefahr dann langsam zurückgeht.

In Osttirol sind Lawinen bis in den Siedlungsbereich gekommen. Hat Sie das überrascht?

Mair: In dem Bereich hatten wir noch Glück, weil die höhere Temperatur noch größere Ereignisse verhindert hat. Ich denke, die Prognosen waren sehr präzise. Alle waren sehr gut vorbereitet. Gegen ein Ereignis an sich kann man dann nichts machen.

Das Interview führte
 Marco Witting


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