Kinder nach erster Welle belastet aber nicht traumatisiert

220 Kinder und 438 Eltern aus Nord- und Südtiroler Corona-Hotspot-Regionen sind im Juni zu ihrem seelischen Wohlbefinden befragt worden. Bei einer Pressekonferenz in Innsbruck wurden am Mittwoch erste Ergebnisse präsentiert: Die Quarantäne habe bei den Drei- bis Zwölfjährigen zu einem Verlust an Lebensqualität geführt, wobei dieser laut den Experten in 80 Prozent der Fälle auf fehlende soziale Kontakte zurückzuführen ist. Zudem gebe es geschlechterspezifische Unterschiede.

„Die Kinder sind belastet, aber nicht traumatisiert“, zog Kathrin Sevecke, Primaria der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Landeskrankenhaus Hall in Tirol, erste Schlüsse aus den Befragungen. Noch müsse deshalb kein Alarm geschlagen, aber weiterhin genau hingeschaut werden, schlussfolgerte Sevecke. „Wir haben im klinischen Alltag bereits festgestellt, dass es zu deutlichen Veränderungen kommt und sind froh, diese Beobachtungen durch diese Befragung auch wissenschaftlich belegen zu können“.

Die Studie sei für zwei Jahre anberaumt und werde vom Land Tirol gefördert, heißt es in einer Aussendung der Medizinischen Universität Innsbruck. An der ersten Erhebung beteiligten sich 220 Kinder und 438 Eltern, überwiegend Mütter. Die erste Auswertung zeige in Bezug auf Traumatisierung und Angstempfinden noch keine signifikanten Auffälligkeiten, berichtete Silvia Exenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Studie und Psychologin. Dennoch habe sich die Quarantäne stark auf die Lebensqualität der Kinder ausgewirkt: „Zu 80 Prozent kommt dieser Verlust an Lebensqualität durch fehlende soziale Kontakte zustande“, erklärte Exenberger.

Welche Konsequenzen diese Verschlechterung nach sich ziehe, vermochten die beiden Expertinnen noch nicht zu sagen. Denn die Bedürfnisse seien altersspezifisch, so Exenberger: „Kleinere Kinder lernen etwa zu teilen und Rücksicht auf andere zu nehmen, Ältere brauchen den Austausch mit Gleichaltrigen unter anderem um sich von den Eltern ‚wegzuentwickeln‘“. Fest stehe jedenfalls: „Jeder braucht seine Peer-Group“.

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Befragt wurden unter anderem Kinder aus dem von den Eindämmungsmaßnahmen sehr stark betroffenem Paznaun- oder Grödnertal. Regionale Unterschiede hätte es keine gegeben. In Bezug auf das Bedrohungserleben berichteten die beiden anwesenden Medizinerinnen jedoch von deutlichen geschlechterspezifischen Unterschieden. „62 Prozent der Mädchen, aber nur 52 Prozent aller Buben waren etwa besorgt, dass ein Familienmitglied an Corona erkranken könnte“, berichtete Exenberger. Mädchen hätten grundsätzlich ein intensiveres Bedrohungserleben und empfanden deshalb auch mehr Angst- und Traumasymptome als Buben. Den Müttern fiele das häufig nicht auf. Sie hätten die Lebensqualität ihrer Töchter wesentlich höher geschätzt. Buben schätzen ihre Lebensqualität höher als Mädchen, wobei dies mit der Einschätzung der Mütter übereinstimmte.

Neu eingeführt wurde in dieser Befragungsrunde ein sofortiges Feedback: Im Anschluss des Fragebogens wird den Studienteilnehmern angezeigt, wie belastet sie sind – den Kindern in Form eines Smileys, den Eltern als Ampel. „Zeigt diese gelb oder rot bitten wir darum, Kontakt mit uns aufzunehmen“, stellte Exenberger klar, man wolle niederschwellige Unterstützung der Belasteten ermöglichen.

„Ziel ist es, ein Früherkennungsinstrument von Belastungssymptomen zu entwickeln, das in der Schule und im Kindergarten eingesetzt werden kann“ erklärte Sevecke. Die ersten Auswertungen hätten bereits zur Entwicklung weiterer Entlastungs- und Unterstützungsmaßnahmen beigetragen: „Wir wollen eine Spezialsprechstunde und Telefonhotline an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall in Tirol einrichten“. Die Services können, so Sevecke, mit der zweiten Befragungsrunde Mitte Dezember starten.

Eltern empfahl Sevecke, coronabezogene Themen „kindgerecht und alltagstauglich zu besprechen“. Es gebe mittlerweile zahlreiche Materialien, die man unterstützend heranziehen könne: Bücher, Videos oder Rollenspiele. „Wichtig ist, dass man Kinder einbezieht, denn so haben sie das Gefühl, gehört und verstanden zu werden“, betonte die Primaria.


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