Wetterlage in Osttirol beruhigt sich langsam: „Wir wussten, was auf uns zukommt“

Über Tage hatte starker Schneefall Osttirol fest im Griff. Ab heute beruhigt sich die Lage nachhaltig. Gute Planung und besonnene Entscheidungen verhinderten laut Abschätzung von Behörden und Einsatzkräften Schlimmeres.

Mit dem Polizeihubschrauber Libelle wurden in den vergangenen Tagen abgeschnittene Täler versorgt.
© APA/EXPA/JFK

Von Benedikt Mair

Lienz, Innsbruck – Aufatmen in Osttirol. Nach den rekordverdächtigen Schneefällen der vergangenen Tage ist Entspannung in Sicht. Es hat aufgehört zu schneien, laut Wetter­experten beruhigt sich die Lage ab heute nachhaltig. Wie groß das Ausmaß der Zerstörung ist, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Gute Vorbereitung und besonnene Entscheidungen verhinderten laut Abschätzung von Behörden und Einsatzkräften aber Schlimmeres.

„Der Bezirk ist es gewohnt, mit außergewöhnlichem Wetter umzugehen“, sagt Olga Reisner. Die Bezirkshauptfrau ist überzeugt davon, dass aus den Schneekatastrophen der Vergangenheit „viel gelernt wurde. Die Bevölkerung kann sich sicher fühlen.“ Seit vergangenem Freitag hat es in Osttirol geschneit. Bäum­e stürzten um, beschädigten Strommasten. Der Tiroler Lawinenwarndienst rief am Sonntag die höchste Gefahrenstufe aus. Wenige Stunden zuvor war ein Schneebrett auf mehrere Häuser im Prägratener Ortsteil Hinterbichl abgegangen. Andernorts wurden Wege und Straßen verlegt. In der Nacht auf gestern waren nochmals 40 bis 60 Zentimeter Neuschnee dazugekommen.

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Teilweise ist damit in Ost­tirol innerhalb von etwa einer Woche bereits mehr Regen und Schnee gefallen als normalerweise in einem gesamten Winter, teilte der Wetterdienst Ubimet in einer Aussendung mit. In Lienz etwa fielen diesen Monat 88 Zentimeter Neuschnee, 71 Zentimeter sind es im Durchschnitt von Dezember bis Februar.

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Unter der Last der Schneedecke stürzte gestern am späten Nachmittag im Asslinger Ortsteil Thal-Wilfern eine Lagerhalle ein. Ob sich während des Zwischenfalls Menschen in dem Gebäude befanden, ist unklar. Laut ersten Informationen der Leitstelle gibt es aber keine Verletzten. So wie auch in Gaimberg, wo bereits Dienstagabend die aus Holz gefertigte Terrassen-Überdachung eines Einfamilienhauses in sich zusammenstürzte. Im Einsatz standen elf Mitglieder der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr.

Unzählige Ausrückungen hatten die Feuerwehren des Bezirks seit vergangenem Freitag zu bewältigen, sagt Bezirksfeuerwehrkommandant Herbert Oberhauser. „Mit Stand Mittwochvormittag waren es 283. Im Laufe des Tages sind noch welche dazugekommen.“ Oberhauser nennt die Situation „intensiv. Heuer war es noch extremer als in den Jahren zuvor. In allen Tal- und Ortschaften waren wir gefordert, angefangen beim Abpumpen von Wasser in den Tallagen, um geflutete Keller zu verhindern. Lawinenstriche wurden großräumig gesperrt, bei Stromausfällen haben wir auch unterstützt.“

Auf Erfahrung der letzten Jahre gebaut

Mitarbeiter der Tinetz reparierten gestern zahlreiche zerstörte Stromleitungen.
© APA/EXPA/ JFK

1800 Haushalte in 14 Gemeinden waren in Osttirol gestern Abend noch ohne Stromversorgung, wie die Betreibergesellschaft Tinetz in einer Aussendung mitteilt. „Die Wiederherstellungsmaßnahmen werden mindestens noch bis zum Ende der Woche andauern, die Aufräumarbeiten viel länger“, sagt Geschäftsführer Thomas Rieder. Ein 50 Jahre alter Tinetz-Mitarbeiter wurde Mittwochfrüh bei Reparaturarbeiten auf einem zwölf Meter hohen Strommast in Kartitsch verletzt: Ein Seil fiel herab und traf den Mann im Gesicht. Er wurde ins Krankenhaus Lienz gebracht, sein Zustand ist stabil.

Es sei tragisch, wenn Menschen bei Extremwetterereignissen verletzt werden, meint der Osttiroler Bezirkspolizeikommandant Silvester Wols­egger. Dennoch glaubt er, dass trotz „bemerkenswerter Schnee- und Regenmengen“ so wenig passiert ist beziehungsweise nahezu ausschließlich Sachschäden verzeichnet wurden. „Wir wussten, was auf uns zukommt“, erklärt sich Wols­egger diesen Umstand. Die Einsatzkräfte und Behörden hätten „aus der Erfahrung der letzten Jahre heraus“ gut geplant und vorausschauend entschieden. Er nennt beispielhaft den Bürgermeister von Prägraten, der bereits am Samstagnachmittag in Hinterbichl „29 Menschen evakuieren ließ. Wenig später ging eine Lawine ab.“ Auch die Polizei hatte vorgesorgt. In mehreren exponierten Gemeinden wurden Streifen, meist aus Alpinpolizisten bestehend, postiert. 50 Beamte standen seit Samstag täglich im Einsatz. „Neben der normalen Polizeiarbeit wurden Versorgungsflüge unternommen – etwa mit Medikamenten. Die Beamten haben aber auch Schaufeln in die Hand genommen, um eingeschneite Wege freizuräumen.“

Wie groß ist die Zerstörung? Wie hoch werden die Kosten für Reparaturen oder Wiederaufforstung von Wäldern sein? Das werde sich erst in den kommenden Wochen zeigen, glaubt Bezirkshauptfrau Olga Reisner. „In den nächsten Tagen werden wir aber Zug um Zug die Schäden beseitigen.“

In Kals halfen Polizisten bei Räumungsarbeiten.
© Daniel Baldauf

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