„Alle sind so ernst geworden“: Gegen das Weltgetöse anplaudern

Mit „Alle sind so ernst geworden“ legen Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter ein gemeinsames Buch vor.

Ungleiches Gesprächspaar: Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre ...
© Haas

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Dass sich da eine Freundschaft anbahnt, das konnte man via Instagram bereits vermuten. Immer wieder sah man Benjamin von Stuckrad-Barre dort mit Martin Suter, spazierend, plaudernd, dinierend. Popliteratur trifft auf Gesellschaftssatir­e und V-Ausschnitt auf Krawatte. Die Treffen des deutschen Mittvierzigers und des 72-Jährigen aus der Schweiz sorgten für Unter­haltung in Mini­dosen (Highlight: Martin Suter rezitiert Raptexte von Yung Hurn). Kurzum, allz­u ernst wurde es bei den beiden nicht.

... und Gesellschaftssatiriker Martin Suter haben sich zu Unterschiedlichstem unterhalten.
© Jaudas

Aus dieser deutsch-schweizerischen Freundschaft ist jetzt ein Buch geworden, ein gar nicht so schmaler Gesprächsband, der Unterhaltungen der beiden Schriftsteller aus den letzten Jahren dokumentiert. Um Tagespolitik, Hochkultur oder Krisen geht es in „Alle sind so ernst geworden“ aber nicht, so viel sei schon mal vorweggenommen. In diesem Gegenentwurf zu jedem Ernsthaftigkeitsangebot sind Stichworte wie „Siri“, „Mundharmonika“ oder „Äähm“ Programm.

Es war Schriftstellerliebe auf den ersten Blick, davon kann man nach dem ersten Kapitel und dem ersten Treffen ausgehen. Übertitelt wird das Kennenlernen mit „Badehosen“ – ja, richtig gedacht, Stuckrad-Barr­e und Martin Suter sprechen erstmals am Strand an der Ostsee miteinander. Doch sobald die mitunter eigenwilligen Farben und Formen der titelgebenden Minimalbekleidung ausgecheckt sind, geht es ans Eingemachte. Satte vierzehn Seiten lang steht die Badehose im Mittelpunkt, auch weil sich über das Stück Stoff, das würde man anfänglich gar nicht erwarten, etwa Geschichten zu Suters Kindheit in Knickerbockern auftun. Da will man dann auch als Leser dranbleiben.

Ähnlich agiert Stuckrad-Barre, der in (fast) allen Gesprächen den motivierten Fragesteller mimt, um gleichzeitig mit eigenen Offenbarungen tief blicken zu lassen, vom Hundertsten ins Tausendste.

Mal wähnt sich der Leser im Salongespräch („Teufel, Gott Madonna“), mal findet er sich in schön flachen Belanglosigkeiten wieder („Glitzer“).

Nicht einmal Künstliche Intelligenz, der Sprachassitent Siri, kommt gegen die beiden Plaudertaschen an. Das Diktieren einer SMS oder das Abfragen eines Musikgeschmacks geraten in „Siri“ zum lesbaren Slapstick-Sketch. Bei dem einer schmallippig und irgendwie verdutzt den Kürzeren zieht, nämlich Siri.

Doch selbst als Leser versteht man in „Alle sind so ernst geworden“ nicht immer auf Anhieb, worauf die beiden Sprecher hinauswollen. Es scheint größtenteils um das Anplaudern gegen das Weltgetöse zu gehen, bis der Leser merkt: Im Grunde liegt hier ein ausformulierter Podcast vor. Ja, dafür sind die Gespräche auch entstanden, für das Buch lediglich überarbeitet. Das funktioniert mal gut, mal weniger gut – in kleinen Dosen liest man ihnen aber gerne zu.

Gesprächsband

Alle sind so ernst geworden. Diogenes, 272 Seiten, 22,70 Euro.


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