Beczala sang „Werther“ in gespenstisch leerer Staatsoper

An sich ist Jules Massenets „Werther“ keine schlechte Wahl für die Vorweihnachtszeit. Die Oper beginnt und endet mit einem Weihnachtslied, spielt zeitweise unterm Christbaum und handelt von der Liebe. Die gestrige Staatsopern-Aufführung des gefühlsbetonten Werks stand freilich unter einem anderen Stern als jenem von Bethlehem. Corona-bedingt wurde vor (fast) leerem Haus gespielt und via fidelio gestreamt. ORF III strahlt die Aufzeichnung am 10. Jänner 2021 um 20.15 Uhr aus.

Die aus dem Jahr 2005 stammende Inszenierung von Andrei Serban wäre noch kein echter Grund, keine Anstrengungen und Mühen zu scheuen, „Werther“ aus der Quarantäne zu holen. Der eigentliche Grund hieß Piotr Beczala. Der 53-jährige polnische Startenor, dessen beeindruckende Karriere jüngst von Susanne Zobl im Band „In die Welt hinaus“ (Amalthea Verlag) aufgezeichnet wurde und der seit 1996 an der Staatsoper singt, gab sein Wiener Rollendebüt in der Titelpartie. Unter der effektbewussten musikalischen Leitung von Bertrand de Billy gestaltete er die Leiden des nicht mehr ganz so jungen Werther überaus anschaulich und mit vollem tenoralen Schmelz. Seine Arien gelangen prächtig und machten anschaulich, dass nur der Gefühlsmaschine Oper (und ihrer kleinen Schwester, der Operette) die Gratwanderung zwischen Herz, Schmerz und Kitsch gelingen kann.

Die solcherart Angeschmachtete, die ebenfalls ihr Rollendebüt an der Staatsoper gebende französische Mezzosopranistin Gaelle Arquez, war der Größe der Gefühle nicht ganz gewachsen, schlug sich jedoch wacker. Dafür, dass bei der Premiere der Inszenierung vor 15 Jahren ausgerechnet Elina Garanca ihre Partie sang (und Marcello Alvarez den Werther), kann sie ebenso wenig etwas wie für den die Bühne dominierenden Baumriesen von Peter Pabst, der wirkt, als suchten Hänsel und Gretel Schutz unter der Weltesche Yggdrasil oder hätte man das Schlagwort Green Producing gründlich missverstanden.

Zum echten Erlebnis für die wenigen zugelassenen professionellen Beobachter wurde der Abend jedoch weniger dank der Sänger (zu denen sich u.a. auch Clemens Unterreiner als Albert und Daniela Fally als Sophie gesellten) als durch die Begleitumstände. Beczala machte nach seinem Auftritt beim Galaabend der Scala bedauernswerter Weise zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage die Erfahrung, was es heißt, buchstäblich ins Leere zu singen. In einer derart statischen Inszenierung wäre der Bezug zu den anderen Anwesenden besonders wichtig. Und dazu gehört neben den Bühnenpartnern, dem Dirigenten und dem Orchester nun mal auch das Publikum.

Die wenigen Zuschauer verhielten sich vorbildlich diszipliniert. Auch während der Aufführung leuchteten die weißen FFP2-Masken der einzeln in Parterrelogen gesetzten Besucher im Dunkeln. Das ergab ein ebenso gespenstisches Bild wie das Ritual des Verbeugens vor dem Vorhang vor leeren Sitzreihen, bei dem sich wenigstens das Staatsopernorchester erbarmte und ein wenig Beifall spendete. Solche Szenen möchte man nicht häufig erleben. Das wirkt mehr wie ein Totenritual als wie ein kräftiges Lebenszeichen einer vitalen Kultur - auch wenn alle Beteiligten sichtlich froh waren, dass dank der Kooperation mit dem ORF wenigstens dies möglich war.

Am 14. Dezember wird hier „Das verratene Meer“ von Hans Werner Henze vor leerem Haus gespielt. Es ist die erste echte Neuproduktion der Direktion Roscic - und wird hoffentlich mehr über die Zukunft der Wiener Staatsoper aussagen als dieser schön gesungene „Werther“ unter Bruder Baum.


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